Postwachstum
Wirtschafts- und Gesellschaftskonzept, das BIP-Wachstum als Wohlstandsmaß ablehnt und stattdessen auf Reduktion der monetarisierten Wirtschaftsleistung und Ausbau lokaler Subsistenz setzt.
Postwachstum bezeichnet ein Bündel von Ansätzen, das das Wirtschaftswachstum gemessen am Bruttoinlandsprodukt nicht als Ziel, sondern als Problem begreift. Die Grundidee: Reiche Gesellschaften haben ein materielles Versorgungsniveau erreicht, das weitere Steigerungen weder ökologisch noch gesellschaftlich rechtfertigt. Im Gegenteil erhöht weiteres Wachstum den Ressourcenverbrauch und die Emissionen schneller, als Effizienzgewinne sie senken können.
Niko Paech, Honorarprofessor an der Universität Siegen und einer der bekanntesten Vertreter der deutschsprachigen Postwachstumsdebatte, entwickelte seit den frühen 2000er Jahren ein Konzept, das auf zwei Säulen ruht: Suffizienz (bewusstes Weniger-Konsumieren) und Subsistenz (lokale, gemeinschaftliche Eigenproduktion statt globaler Arbeitsteilung). Sein 2012 erschienenes Buch 'Befreiung vom Überfluss' machte das Konzept einem breiteren Publikum zugänglich.
Postwachstum unterscheidet sich von älteren Umweltökonomieschulen dadurch, dass es eine Entkopplung von Wirtschaftswachstum und Ressourcenverbrauch für unrealistisch hält. Statt 'grünem Wachstum' fordert es eine Schrumpfung der monetarisierten Wirtschaft zugunsten von nicht-marktförmigen Tätigkeiten: Reparieren, Teilen, gemeinschaftliches Produzieren und regionale Versorgungsketten. Das Gabler Wirtschaftslexikon fasst zusammen: Postwachstumsökonomik zielt auf die Reduktion monetarisierter arbeitsteiliger Wertschöpfung.
Im Alltag drückt sich postwachstumsorientiertes Handeln durch Konsumverweigerung, Repair-Cafés, Sharing-Plattformen und die bewusste Verlangsamung des Lebensrhythmus aus. In Mode und Kosmetik bedeutet das: weniger kaufen, länger nutzen, selbst reparieren oder herstellen. Kritiker des Konzepts wenden ein, dass ein Rückgang der Wirtschaftsleistung sozialen Sprengstoff birgt, wenn Arbeitsplätze und Sozialleistungen daran hängen. Postwachstumsökonominnen und -ökonomen antworten, dass genau diese Abhängigkeit das eigentliche Problem ist.
Auch bekannt als
- Postwachstumsökonomie
- Postwachstumsökonomik
- post-growth economics