Über Mülltrennung kursieren zwei Sätze, die sich ausschließen. Der eine lautet, Deutschland recycle den Großteil seiner Verpackungen. Der andere lautet, der gelbe Sack werde am Ende sowieso verbrannt. Beide Sätze berufen sich auf Zahlen, und beide führen in die Irre.
Für diesen Artikel haben wir die Daten des Umweltbundesamts durchgesehen und uns gefragt, warum dieselbe Abfallwirtschaft je nach Blickwinkel als Erfolg oder als Etikettenschwindel erscheinen kann. Die Antwort hängt an einer technischen Frage, die selten mitgeliefert wird: An welcher Stelle der Kette wird eigentlich gemessen?
Wir gehen der Reihe nach durch, was eine Recyclingquote misst, wie die Zahlen für 2023 aussehen, warum Kunststoff aus der Reihe fällt, was mit dem Inhalt der gelben Tonne tatsächlich passiert und an welcher Stelle die Entscheidung über Recycling wirklich fällt.

Was eine Recyclingquote überhaupt misst
Eine Recyclingquote ist ein Bruch. Oben steht eine Menge Abfall, unten die Gesamtmenge. Entscheidend ist, welche Menge oben eingesetzt wird, und genau daran hat sich etwas geändert.
Bis 2019 zählte, was in das erste Recyclingverfahren hineinging, also im Wesentlichen das, was die Sortieranlage als verwertbar ausgab. Seit dem Berichtsjahr 2020 gilt europaweit eine andere Regel. Gemessen wird der Input in das letzte Recyclingverfahren, nach allen erforderlichen Prüf-, Sortier- und sonstigen vorgeschalteten Verfahren. Alles, was auf dem Weg dorthin verloren geht, wird abgezogen.[1]
Diese Verluste sind keine Rundungsgröße. Das Umweltbundesamt beziffert allein die Verluste aus Zerkleinerung, Nachsortierung und Waschprozessen auf rund 0,66 Millionen Tonnen, die von der Quote abgezogen werden. Was vorher als Erfolg zählte, zählt seither erst dann, wenn es die letzte Stufe erreicht.[2]
Deshalb sind ältere und neuere Quoten nicht vergleichbar, auch wenn sie dieselbe Anlage beschreiben. Wer eine Recyclingquote liest, sollte zuerst fragen, aus welchem Berichtsjahr sie stammt. Ein Rückgang gegenüber früheren Jahren kann schlicht bedeuten, dass ehrlicher gerechnet wird.
Die Zahlen für 2023
In Deutschland fielen 2023 rund 17,9 Millionen Tonnen Verpackungsabfälle an, 5,8 Prozent weniger als im Jahr davor. 69,4 Prozent davon wurden recycelt. Diese eine Zahl verdeckt allerdings, wie weit die Materialien auseinanderliegen.[1]
- Eisenmetalle wie Weißblech: 86,8 Prozent
- Papier und Karton: 86,6 Prozent
- Glas: 80,6 Prozent
- Aluminium: 68,0 Prozent
- Kunststoffe: 52,2 Prozent
- Holz: 30,2 Prozent[1]
Zwischen Weißblech und Holz liegen 56,6 Prozentpunkte. Die Sammelquote ist also die falsche Frage. Die richtige lautet, aus welchem Material die Verpackung besteht, die gerade in der Hand liegt. Bei Papier und Glas ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass daraus wieder Papier und Glas wird. Bei Kunststoff entscheidet sich das erst weiter unten in der Kette.[1]

Warum Kunststoff aus der Reihe fällt
Betrachtet man nicht nur Verpackungen, sondern alle Kunststoffabfälle, wird der Abstand größer. 2023 fielen 5,91 Millionen Tonnen an. Davon wurden 38,4 Prozent werkstofflich oder rohstofflich verwertet und 61,1 Prozent energetisch.[3]
Energetisch verwertet ist ein Ausdruck, der Klarheit verhindert. Er bedeutet Verbrennung. Werden Kunststoffabfälle in energieeffizienten Müllverbrennungsanlagen mit Energieauskopplung verbrannt, gilt das als energetische Verwertung. Von den 3,61 Millionen Tonnen gingen 2,25 Millionen Tonnen in Müllverbrennungsanlagen, weitere 1,36 Millionen Tonnen ersetzten als Ersatzbrennstoff fossile Brennstoffe, etwa in Zementwerken.[3]
Der interessanteste Wert steckt aber in der Aufteilung nach Herkunft. Abfälle, die nach dem Gebrauch anfallen, also aus Haushalten und Gewerbe, wurden zu 35,4 Prozent stofflich verwertet. Abfälle, die bei Herstellung und Verarbeitung anfallen, zu rund 85 bis 88 Prozent.[3]
Der Unterschied liegt nicht an der Technik, sondern am Material. Produktionsabfälle fallen sauber und sortenrein an. Man weiß, welcher Kunststoff es ist, er ist nicht beschichtet, nicht bedruckt, nicht mit Lebensmittelresten behaftet und nicht mit vier anderen Kunststoffen verklebt.
Genau das ist der Haushaltsabfall aber. Ein Joghurtbecher aus einem Kunststoff mit einem Deckel aus Aluminium und einer Banderole aus einem zweiten Kunststoff ist für eine Sortieranlage drei Dinge. Getrennt entsorgt sind es drei verwertbare Fraktionen, zusammengedrückt entsorgt ist es ein Mischwert.
Was mit der gelben Tonne wirklich passiert
Damit zur verbreitetsten Annahme, nämlich dass ohnehin alles verbrannt werde. Das Umweltbundesamt tritt ihr ausdrücklich entgegen. Mehr als die Hälfte des Inhalts der gelben Tonne wurde dem Recycling zugeführt.[4]
Was tatsächlich in die Verbrennung geht, sind überwiegend zwei Gruppen: Materialien, die sich nicht recyceln lassen, und Fehlwürfe. Eine Sortieranlage für Verpackungen kann mit einem Turnschuh oder einem Staubsaugerbeutel nichts anfangen. Beides landet regelmäßig in der gelben Tonne und beides verlässt sie als Rest.[4]
Beim Glas hält die Behörde einen anderen Punkt fest, der seltener diskutiert wird. Nicht die Vermischung im Sammelfahrzeug ist das Problem, sondern dass weiterhin zu viel Altglas im Restmüll landet und dort für den Kreislauf verloren ist. Glas gehört zu den Materialien mit den höchsten Quoten, aber nur, wenn es überhaupt ankommt.[4]

Wo die Entscheidung wirklich fällt
Die unbequeme Erkenntnis aus den Daten ist, dass der Haushalt am Ende einer Kette steht, deren Ergebnis vorher festgelegt wurde. Hochwertiges Recycling, bei dem stoffgleiches Neumaterial ersetzt werden kann, ist nach Darstellung des Umweltbundesamts nur möglich, wenn schon bei der Verpackungsentwicklung auf die Recyclingfähigkeit geachtet wird.[2]
Zwei Bedingungen nennt die Behörde dafür. Es müssen Materialien verwendet werden, für die eine Sortier- und Verwertungsinfrastruktur überhaupt existiert. Außerdem dürfen keine Materialkombinationen oder Substanzen verwendet werden, die einen Verwertungserfolg verhindern können.[2]
Beides entscheidet sich, bevor ein Produkt im Regal steht. Was im Haushalt bleibt, ist trotzdem nicht nichts:
- Verbundene Materialien vor dem Wegwerfen trennen, also Deckel vom Becher, Banderole vom Behälter. Zusammengedrückt wird aus mehreren Fraktionen eine.
- Altglas konsequent in den Container statt in den Restmüll, weil dort der größte vermeidbare Verlust entsteht.
- Nichts in die gelbe Tonne werfen, was keine Verpackung ist. Fehlwürfe erhöhen den Rest, der verbrannt wird.
- Beim Kauf auf einfache, einteilige Verpackungen achten. Das wirkt weiter oben in der Kette als jede Sortierung danach.

Häufige Fragen zum Recycling
Wird der gelbe Sack am Ende doch verbrannt?
Warum sind ältere Recyclingquoten höher als neuere?
Muss ich Verpackungen vor dem Wegwerfen ausspülen?
Warum wird Kunststoff so viel schlechter recycelt als Papier oder Glas?
Bringt Mülltrennen zu Hause überhaupt etwas?
Quellen und Belege
Hier stehen die zugeordneten Aussagen und ihre Quellen. Ob und wie eine Aussage geprüft wurde, steht auf ihrer eigenen Seite.
Was du daraus mitnehmen kannst
Keiner der beiden Ausgangssätze hält stand. Es wird nicht alles verbrannt, und die 69,4 Prozent für Verpackungen insgesamt gelten nicht für Kunststoff. Was stimmt, ist unbequemer und nützlicher: Papier, Glas und Metalle laufen weitgehend im Kreis, Kunststoff aus Haushalten zu gut einem Drittel, und der Rest liefert Energie statt Material.
Für den Alltag folgt daraus wenig Dramatik und eine klare Reihenfolge. Trennen lohnt sich, vor allem beim Glas und beim Auseinandernehmen verbundener Verpackungen. Den größeren Unterschied macht aber, welche Verpackung überhaupt in den Einkaufswagen kommt. Diese Entscheidung fällt vor dem Kauf, nicht vor der Tonne.