Eine Jacke, die nicht mehr passt, ein T-Shirt mit ausgeleiertem Kragen: Der Einwurf in den Altkleidercontainer ist für die meisten von uns der Punkt, an dem ein Kleidungsstück aus dem eigenen Blickfeld verschwindet. Was danach passiert, bleibt meist unsichtbar, dabei durchläuft jedes eingeworfene Teil eine ganze Kette aus Sammlung, Sortierung und Verwertung, bevor es entweder ein zweites Leben bekommt oder endgültig zu etwas anderem wird.
Seit dem 1. Januar 2025 gilt in der EU zusätzlich eine neue Pflicht: Alttextilien müssen getrennt vom übrigen Hausmüll gesammelt werden. Das verändert, wie viel Ware bei den Sammlern ankommt, aber nicht automatisch, was mit ihr geschieht.
Dieser Artikel folgt dem Weg eines Kleidungsstücks vom Container an: wer sammelt, woran du eine seriöse Sammlung erkennst, was im Sortierbetrieb passiert, wohin die Ware anschließend geht und was du selbst tun kannst, damit möglichst wenig davon in der Verbrennung landet.
Warum seit 2025 mehr Kleidung im Container landet
Seit dem 1. Januar 2025 müssen alle EU-Mitgliedstaaten Alttextilien getrennt vom Restmüll sammeln. Vorher war es in vielen Ländern, auch in Teilen Deutschlands, erlaubt, getragene Kleidung einfach in die graue Tonne zu werfen. Diese Möglichkeit fällt weg, und mehr Alttextilien landen dadurch im offiziellen Sammelsystem, sei es über den Container, den Wertstoffhof oder eine karitative Sammlung.[1]
Die Pflicht ist Teil der EU-Textilstrategie, die den Umgang mit Textilien in der gesamten Union neu ordnen soll. Unabhängig davon gilt in Deutschland schon länger die Anzeigepflicht nach Paragraf 18 des Kreislaufwirtschaftsgesetzes: Wer Alttextilien sammeln will, muss das der zuständigen Behörde spätestens drei Monate vorher anzeigen, und zwar unabhängig davon, ob es sich um eine gemeinnützige oder eine gewerbliche Sammlung handelt. Wer künftig für die Kosten der Sammlung aufkommen soll und wie die neue EU-Herstellerverantwortung für Textilien konkret aussieht, haben wir bereits in Wie weit die Kreislaufwirtschaft in der Mode wirklich ist eingeordnet, hier soll es um die Ware selbst gehen.[1]
Wer eigentlich hinter dem Container steckt
Hinter einem Altkleidercontainer steht entweder ein gewerbliches Unternehmen oder eine gemeinnützige Organisation, und für beide gilt dieselbe Anzeigepflicht bei der Behörde. Der Unterschied liegt im Zweck: Eine gemeinnützige Sammlung wandelt die Kleiderspende in eine Geldspende für einen sozialen Zweck um, eine gewerbliche Sammlung verkauft die gesammelte Ware meist unsortiert an einen Textilverwerter und erzielt damit Gewinn.
Was den Unterschied für dich als Spenderin oder Spender schwerer erkennbar macht, ist eine verbreitete Praxis: Nach eigener Darstellung des Dachverbands FairWertung mieten gewerbliche Sammler nicht selten Name und Logo eines gemeinnützigen Vereins für ihre eigenen Container. Rechtlich ist das zulässig, für den Blick auf den Container von außen macht es aber kaum einen Unterschied, ob dahinter tatsächlich der genannte Verein steht oder nur sein Name gemietet wurde.[2]
Das bedeutet nicht, dass gewerbliche Sammlung unseriös ist. Es bedeutet nur, dass ein karitativ klingender Name allein nichts darüber aussagt, wohin der Erlös deiner Spende fließt.
Woran du eine seriöse Sammlung erkennst
Weil sich Name und Logo allein nicht verlässlich prüfen lassen, empfiehlt der Ratgeber der Verbraucherzentrale zum Erkennen unseriöser Kleidersammlungen, auf handfestere Merkmale zu achten.
- Eine deutsche Adresse und eine Festnetznummer auf Container oder Sammelzettel, keine reine Mobilnummer
- Gütezeichen wie FairWertung oder das bvse-Qualitätssiegel für Alttextilien als Hinweis auf geprüfte Sammlung und nachvollziehbare Verwertungswege
- Keine gefühlsbetonte Werbung, die gezielt um Mitleid wirbt, ohne echte Angaben zur Organisation zu machen
- Bei Unsicherheit: direkt bei örtlichen Kleiderkammern oder Sozialkaufhäusern karitativer Organisationen abgeben[3]

Was im Sortierbetrieb aus dem Kleidungsstück wird
Nach der Wegbeschreibung des bvse vom Container zur Wiederverwendung geht jedes gesammelte Teil zunächst in einen Sortierbetrieb, bevor irgendeine Entscheidung über Wiederverwendung, Export oder Recycling fällt. Dort wird von Hand nach Sorten, Artikeln und Qualitäten sortiert, in bis zu 350 einzelne Fraktionen. Das ist reine Handarbeit: Erfahrene Sortiererinnen und Sortierer erkennen auf einen Blick, in welche Kategorie ein Teil gehört.[4]
Wie fein sortiert wird, bestimmt dabei nicht nur der Zustand des Kleidungsstücks selbst, sondern auch die Nachfrage aus den Ländern, die diese Ware später abnehmen. Ein einfaches T-Shirt kann so in einer ganz anderen Fraktion landen als ein Wollmantel, obwohl beide vielleicht denselben Container durchlaufen haben.[4]
Wohin die sortierte Ware in Deutschland geht
Nach der FAQ des Bundesumweltministeriums zu gesammelten Alttextilien werden in Deutschland jährlich rund eine Million Tonnen Alttextilien getrennt gesammelt. Davon werden rund 62 Prozent als Gebrauchttextilien weiterverwendet, rund 26 Prozent einem Recycling zugeführt, rund 8 Prozent zu Ersatzbrennstoff verarbeitet und die restlichen 4 Prozent energetisch verwertet oder beseitigt. Diese Aufteilung beruht ausdrücklich auf Angaben der Branche selbst, nicht auf einer amtlichen Statistik.[5]
Die bvse-Textilstudie 2026 zu Konsum und Verwertung von Bekleidung zeigt allerdings, dass sich diese Kette unter Druck verändert. Die tatsächlich gesammelte Menge stieg 2023 auf rund 1,3 Millionen Tonnen, und der Anteil an Stör- und Fremdstoffen in der Sammelware liegt inzwischen bei bis zu 20 Prozent. Der Anteil der Wiederverwendung sank seit 2013 von 54 auf 44 Prozent, während die thermische Verwertung im selben Zeitraum von 8 auf 21 Prozent stieg. Mehr Menge bei sinkender Qualität bedeutet also weniger Wiederverwendung und mehr Verbrennung, nicht mehr Recycling.[6]
Auf EU-Ebene zeigt das Briefing der Europäischen Umweltagentur zur Bewirtschaftung gebrauchter Textilien ein ähnliches Bild in größerem Maßstab: 2020 wurden EU-weit 1,95 Millionen Tonnen Textilien getrennt gesammelt, aber nur 1,41 Millionen Tonnen innerhalb der EU tatsächlich behandelt. Die Differenz geht nach Einschätzung der Europäischen Umweltagentur mit hoher Wahrscheinlichkeit in den Export. Die Agentur beziffert die jährliche Sortierkapazität der EU auf rund 1,5 Millionen Tonnen, deutlich weniger als die gesammelte Menge, ein Hinweis darauf, dass die europäische Sortierkapazität mit dem wachsenden Sammelaufkommen nicht Schritt hält.[7]
Was Export nach Afrika und Asien wirklich bedeutet
Ein erheblicher Teil dessen, was in Deutschland und der EU als Wiederverwendung verbucht wird, verlässt Europa als Export. Die Datenseite der Europäischen Umweltagentur zum Export gebrauchter Textilien beziffert die EU-weite Ausfuhr für 2025 auf rund 1,44 Millionen Tonnen, mehr als doppelt so viel wie 2005. Rund 48 Prozent gingen nach Asien, rund 43 Prozent nach Afrika, mit Pakistan und den Vereinigten Arabischen Emiraten als größten Einzelzielen.[8]
Export ist damit nicht automatisch Entsorgung im Ausland. Nach Einschätzung der Agentur wird ein Teil der nach Afrika exportierten Kleidung dort tatsächlich weitergetragen. Was sich vor Ort aber nicht mehr verkaufen oder tragen lässt, hat in vielen Zielländern keine funktionierende Entsorgungsinfrastruktur: Ein anderer Teil davon landet auf offenen Deponien oder wird verbrannt, statt fachgerecht recycelt zu werden. Wie stark diese Systeme in einzelnen Städten und Märkten tatsächlich belastet sind, ist umstritten und wird in einzelnen Berichten sehr unterschiedlich beziffert, weshalb wir hier bewusst auf eine einzelne Prozentzahl verzichten.[8]

Was Faser-zu-Faser-Recycling heute wirklich schafft
Für das, was nicht mehr als Kleidung taugt, bleibt am Ende Recycling. Faser-zu-Faser-Recycling, also die Rückgewinnung von Fasern in einer Qualität, aus der wieder neue Textilien entstehen können, ist in Europa bislang klein: 17 Textilrecyclingunternehmen wollten bis 2025 zusammen 1,25 bis 1,3 Millionen Tonnen Fasern jährlich verarbeiten, rund eine Million Tonnen davon mechanisch. Von den mehr als 50 gelisteten Betrieben für Faser-zu-Faser-Recycling ist ein Teil noch in der Pilotphase.[9]
Die meisten recycelten Fasern werden dabei nicht wieder zu Kleidung, sondern heruntergestuft, etwa zu Putzlappen oder Dämmmaterial. Diese Form des Downcyclings ist weiterhin der Regelfall, echtes Kleidung-zu-Kleidung-Recycling die Ausnahme. Wie sich Circular Fashion als Gesamtkonzept dazu verhält und warum Recycling allein noch keine Kreislaufwirtschaft macht, haben wir in Circular Fashion und was Kreislaufwirtschaft für Mode bedeutet ausführlicher erklärt.[9]
Was du selbst tun kannst, bevor die Jacke im Container landet
Ein Teil der Kette liegt außerhalb deiner Kontrolle, ein anderer Teil nicht: Was und wie du gibst, beeinflusst direkt, wie viel Aufwand die Sortierung hat und wie hoch die Chance auf Wiederverwendung ist.
- In den Container gehören tragbare Textilien in gutem Zustand und paarweise zusammengebundene Altschuhe
- Stark verschmutzte oder kaputte Kleidung gehört in den Restmüll, nicht in die Sammlung, weil sie den Sortieraufwand für alles andere erhöht
- Vor dem Container: prüfen, ob ein Kleidungsstück reparabel ist oder sich über Secondhand-Plattformen, Kleidertausch oder Flohmarkt direkt weiterverwenden lässt
- Beim Spenden auf ein geprüftes Gütezeichen und eine deutsche Adresse mit Festnetznummer achten, statt auf einen karitativ klingenden Namen allein zu vertrauen[10]
Am wirksamsten bleibt dabei, was am wenigsten spektakulär klingt: ein Kleidungsstück möglichst lange zu tragen, bevor es überhaupt im Container landet. Jeder zusätzliche Tragevorgang verringert den Anteil, der am Ende sortiert, exportiert oder verbrannt werden muss.

Häufige Fragen zum Weg der Altkleider
Landet meine gespendete Kleidung automatisch bei einer wohltätigen Organisation?
Was passiert mit Kleidung, die nicht mehr tragbar ist?
Ist der Export von Altkleidern nach Afrika Umweltverschmutzung?
Bringt es überhaupt etwas, Kleidung sortenrein zu spenden?
Vom Container bis zum zweiten Leben ist es ein weiter Weg
Zwischen dem Einwurf in den Container und dem, was am Ende aus einem Kleidungsstück wird, liegen mehrere Stationen: die Anzeige bei der Behörde, die dahinterstehende Organisation, die manuelle Sortierung in bis zu 350 Fraktionen, und je nach Zustand entweder Weiterverwendung im Inland, Export nach Asien oder Afrika, ein kleiner Anteil Faser-zu-Faser-Recycling oder am Ende die Verbrennung. Seit 2025 kommt durch die EU-weite Getrenntsammlungspflicht mehr Ware in dieses System, ohne dass sich am Kern des Problems, der begrenzten Sortier- und Recyclingkapazität, dadurch automatisch etwas verbessert.
Der Teil dieser Kette, den du direkt beeinflusst, liegt vor dem Container: wie lange du ein Kleidungsstück trägst, ob du es reparierst oder weitergibst, bevor es zur Spende wird, und ob du beim Spenden auf ein geprüftes Gütezeichen statt auf einen karitativ klingenden Namen achtest.
Quellen und Belege
Hier stehen die zugeordneten Aussagen und ihre Quellen. Wie eine Aussage geprüft wurde, lässt sich auf ihrer eigenen Seite nachlesen.
