Zwischen einem Einkauf am Samstag und einer Art, die irgendwo verschwindet, liegt keine sichtbare Linie. An der Kasse stirbt nichts aus. Der Zusammenhang ist trotzdem belegt, und er läuft fast immer über dieselbe Größe: über Fläche.
Arten verschwinden dort, wo ihr Lebensraum verschwindet oder so stark verändert wird, dass sie darin nicht mehr zurechtkommen. Der größte Teil dieser Veränderung entsteht bei der Erzeugung von Nahrung, Fasern und Rohstoffen, also bei Dingen, die am Ende jemand kauft.
Für diesen Artikel haben wir die Berichte von IPBES, FAO, Umweltbundesamt, Bundesamt für Naturschutz und Europäischer Umweltagentur nebeneinandergelegt und gefragt, wo die Kette vom Einkaufskorb zur Art tatsächlich verläuft und an welcher Stelle sie sich beziffern lässt. Der Reihe nach geht es um die Treiber des Artenverlusts, um die Fläche hinter dem deutschen Konsum, um Lebensmittel, Kleidung und Kosmetik im Einzelnen, um die Felder vor der eigenen Haustür und darum, woran du dich orientieren kannst, wenn kein Siegel die Frage beantwortet.

Warum Artenvielfalt an der Fläche hängt
Biodiversität meint mehr als die Zahl der Arten. Gemeint sind drei Ebenen: die Vielfalt innerhalb einer Art, die Vielfalt der Arten untereinander und die Vielfalt der Lebensräume. Verschwindet ein Lebensraum, verschwinden nicht einzelne Tiere, sondern die Bedingungen, unter denen ganze Gruppen von Arten überhaupt existieren können.
Der IPBES Global Assessment Report von 2019 hat die direkten Treiber dieses Verlusts erstmals nach ihrem globalen Gewicht sortiert. An erster Stelle steht die veränderte Land- und Meeresnutzung, danach folgen die direkte Nutzung von Organismen wie Fischfang und Holzeinschlag, der Klimawandel, Verschmutzung und zuletzt eingeschleppte Arten. Rund eine Million Tier- und Pflanzenarten gelten in diesem Bericht als bedroht.[1]
Diese Rangfolge ist der Grund, warum ein Text über Konsum und Artenvielfalt bei der Fläche anfängt und nicht beim Klima. Klimawandel steht auf Platz drei, nicht auf Platz eins. Drei Viertel der Landoberfläche sind laut demselben Bericht bereits erheblich verändert, mehr als ein Drittel der weltweiten Landfläche und knapp 75 Prozent der Süßwasserressourcen gehen in Ackerbau oder Tierhaltung.[1]
Wer also wissen will, was sein Einkauf mit Artenvielfalt macht, stellt am besten drei Fragen: Wie viel Fläche steckt in dem, was ich kaufe, wo liegt diese Fläche, und wie wird sie bewirtschaftet. Alles Weitere in diesem Text sind Antworten auf genau diese drei Fragen.
Wie viel Fläche hinter dem deutschen Einkaufskorb steckt
Für Deutschland ist diese Fläche ausgerechnet worden. Der Land-Fußabdruck des Umweltbundesamts addiert, wie viel Boden der Konsum hierzulande weltweit beansprucht. Beim Ackerland kommt die Behörde auf rund 22 Millionen Hektar, von denen nur 12 Millionen Hektar im Inland liegen. Fast die Hälfte dieser Ackerfläche wächst nicht für den Teller, sondern für Futtermittel.[2]
Beim Wald ist die Verschiebung noch deutlicher. Der Wald-Fußabdruck lag 2011 bei mehr als 30 Millionen Hektar, davon lagen nur 25 Prozent in Deutschland. Der Rest verteilt sich über Länder, deren Wälder hier niemand sieht und deren Zustand in keiner deutschen Statistik auftaucht.[2]
Dass diese Verlagerung mehr ist als eine Frage der Buchführung, zeigt eine Lieferketten-Analyse in der Fachzeitschrift Nature. Die Arbeitsgruppe verknüpfte 25.000 Bedrohungseinträge der Roten Liste der Weltnaturschutzunion mit mehr als 15.000 Handelsgütern aus 187 Ländern und wertete über fünf Milliarden Lieferketten aus. Das Ergebnis: 30 Prozent der weltweiten Artenbedrohungen gehen auf internationalen Handel zurück, eingeschleppte Arten dabei ausgenommen. In vielen wohlhabenden Ländern liegt der größere Teil der Wirkung im Ausland, ausgelöst durch importierten Kaffee, Tee, Zucker, Textilien und Fisch.[3]
Diese Arbeit ist von 2012 und damit die älteste Quelle in diesem Text. Neuere Modelle rechnen feiner, das Grundmuster haben sie nicht umgedreht: Der Artenverlust, den wohlhabende Länder verursachen, findet überwiegend nicht bei ihnen selbst statt.[3]

Lebensmittel, der größte Posten
Am deutlichsten lässt sich die Kette bei Lebensmitteln zeigen. Eine Fernerkundungsauswertung der FAO hat für den Zeitraum 2000 bis 2018 untersucht, wofür weltweit Wald gerodet wurde. Fast 90 Prozent der Entwaldung gehen demnach auf die Ausweitung landwirtschaftlicher Flächen zurück. Mehr als die Hälfte des Waldverlusts entfällt auf die Umwandlung in Ackerland, knapp 40 Prozent auf Weidewirtschaft.[4]
Das Muster unterscheidet sich stark nach Region. In Afrika und Asien wurden über 75 Prozent der verlorenen Waldfläche zu Ackerland, in Südamerika stammen fast drei Viertel der Entwaldung aus der Weidewirtschaft. Für den Einkauf heißt das: Entscheidend ist nicht, ob ein Produkt exotisch aussieht, sondern wie viel Fläche seine Erzeugung irgendwo belegt.[4]
- Fast die Hälfte des Ackerlands hinter dem deutschen Konsum geht in Futtermittel, nicht direkt auf den Teller
- Mehr als die Hälfte des weltweiten Waldverlusts entsteht durch die Umwandlung in Ackerland
- Knapp 40 Prozent entfallen auf Weideflächen, in Südamerika sind es fast drei Viertel der Entwaldung[4]
Damit ist auch erklärt, warum die Ernährung in fast jeder Auswertung der größte Posten ist und warum pauschale Ratschläge hier wenig taugen. Ob eine Tomate im beheizten Gewächshaus oder in Spanien gewachsen ist, ist eine Klimafrage. Ob überhaupt so viel Fläche gebraucht wird, ist die Artenfrage, und die beantwortet sich vor allem über den Anteil tierischer Erzeugnisse. Wie sich das im Alltag anfühlt, kannst du in unserer Challenge zum regionalen Essen ausprobieren. Was auf dem Feld verloren geht, fehlt übrigens auch dem Feld selbst: Der Wert der jährlich weltweit erzeugten Feldfrüchte, die durch den Verlust von Bestäubern gefährdet sind, liegt laut IPBES bei bis zu 577 Milliarden US-Dollar.[1]
Kleidung und die Ackerfläche, die niemand sieht
Bei Kleidung fällt die Fläche schwerer auf, weil sie nicht nach Acker aussieht. Die Daten der Europäischen Umweltagentur zum Textilkonsum rechnen sie trotzdem aus. Für die Textilien, die europäische Haushalte 2022 gekauft haben, wurden entlang der Lieferkette rund 144.000 Quadratkilometer Land beansprucht, das sind 323 Quadratmeter je Person und Jahr.[5]
Über 85 Prozent dieser Fläche liegen außerhalb Europas, vor allem wegen des Baumwollanbaus. Damit verursachen Textilien die dritthöchste Landnutzung unter den Konsumbereichen europäischer Haushalte. Aufschlussreich ist die Entwicklung: Zwischen 2010 und 2022 stieg der Textilkonsum pro Person um rund 15 Prozent, während die beanspruchte Fläche pro Person weitgehend konstant blieb. Effizienz hat den Mehrverbrauch aufgefangen, gesenkt hat sie ihn nicht.[5]
Baumwolle ist dabei der entscheidende Punkt, denn sie belegt Ackerland, das anderswo fehlt, und ihr Anbau braucht je nach Region viel Wasser und Pflanzenschutzmittel. Welche Siegel dazu welche Aussage treffen und welche nicht, haben wir im Vergleich der Textilsiegel auseinandergenommen.

Kosmetik, wo sich die Spur verliert
Bei Pflegeprodukten wird es unübersichtlich. Wir haben für diesen Artikel nach einer Auswertung gesucht, die den Flächenbedarf des Kosmetikkonsums so ausweist, wie die Europäische Umweltagentur es für Textilien tut. Wir haben keine gefunden. Wer dir für dein Duschgel eine Quadratmeterzahl nennt, hat sie nicht aus einer offiziellen Quelle.
Belegen lässt sich der Weg über die Rohstoffe. Palmöl und seine Abkömmlinge stecken in Tensiden, Emulgatoren und Konsistenzgebern, und die Ölpalme wächst in Regionen, deren Wälder zu den artenreichsten der Erde gehören. Die EU-Verordnung über entwaldungsfreie Produkte erfasst Palmöl deshalb ausdrücklich, neben Rind, Holz, Kakao, Soja, Kaffee und Kautschuk. Wer diese Rohstoffe in der EU in Verkehr bringt, muss ab dem 30. Dezember 2026 belegen, dass sie nicht von entwaldeten Flächen stammen, für Kleinst- und Kleinunternehmen gilt die Pflicht ab dem 30. Juni 2027.[6]
Eine Grenze hat die Verordnung, die für Kosmetik besonders zählt. Die Kommission formuliert selbst, dass neben den Rohstoffen nur einige daraus hergestellte Erzeugnisse erfasst sind. Ob ein bestimmter Abkömmling in einer Rezeptur darunter fällt, lässt sich von außen an keiner Tube ablesen. Warum Palmöl so schwer zu ersetzen ist und welche Alternativen es gibt, steht in unserem Beitrag zur Palmöl-Problematik.[6]
Was auf den Feldern vor der Haustür passiert
Der Teil des Fußabdrucks, der in Deutschland liegt, wird jährlich gemessen. Der Teilindikator Agrarland des Bundesamts für Naturschutz bildet über die Bestände repräsentativer Vogelarten ab, wie gut die Agrarlandschaft als Lebensraum funktioniert. Für 2023 liegt der Zielerreichungsgrad bei 77 Prozent, erreicht sein sollen 100 Prozent im Jahr 2030.[7]
Bemerkenswerter als der Wert ist der Verlauf. Über die letzten zehn Jahre ist kein statistisch signifikanter Trend feststellbar. Der lange Abwärtstrend hat sich also eingeebnet, ohne dass sich die Lage verbessert. Als Ursachen nennt die Behörde die großflächig intensive Nutzung und den geringen Anteil an Brachflächen und weiteren Strukturen, die eine vielfältige Agrarlandschaft ausmachen. Sie hält aber ebenso fest, dass Vogelarten der Agrarlandschaft dort erhalten bleiben, wo mehrjährige Brachen auf ausreichender Fläche wirklich in die Praxis übernommen werden.[7]
Wie stark die Bewirtschaftung wirkt, zeigt eine Metaanalyse aus 94 Studien im Journal of Applied Ecology, also eine Untersuchung, die die Ergebnisse vieler Einzelstudien zusammenrechnet. Ökologischer Landbau erhöhte die Artenzahl im Mittel um rund 30 Prozent gegenüber konventionellem Anbau, und der Unterschied fiel umso größer aus, je intensiver die umgebende Landschaft ackerbaulich genutzt wird. Umgekehrt gelesen: Wo ohnehin viel Struktur vorhanden ist, macht ein einzelner Biobetrieb wenig Unterschied, wo alles Acker ist, macht er den größten.[8]
Wie viel davon in Deutschland stattfindet, sagt die Agrarstrukturerhebung 2023 des Statistischen Bundesamts. 11,2 Prozent der landwirtschaftlich genutzten Fläche wurden 2023 ökologisch bewirtschaftet, das sind 1,85 von 16,6 Millionen Hektar. Drei Jahre zuvor waren es 9,6 Prozent. Der Anteil wächst langsam, und er hängt unmittelbar daran, was gekauft wird.[9]

Woran du dich orientieren kannst
Ein Siegel, das Artenvielfalt so ausweist wie eine Nährwerttabelle die Kalorien, gibt es nicht. Das liegt nicht nur an den Herstellern. Das Umweltbundesamt zählt Biodiversität neben Treibhausgasen und Wassernutzung zu den drei Kriterien, die in jede ökologische Bewertung von Lebensmitteln einfließen sollten, hält aber fest, dass die Bewertung der Biodiversitätswirkung noch mit unterschiedlichen Ansätzen verfolgt wird, während Klima und Wasser methodisch als gut abgesichert gelten.[10]
Solange die Methode uneinheitlich ist, kann kein Etikett sie sauber abbilden. Was bleibt, sind vier Fragen, die sich an fast jedem Produkt stellen lassen und die sich direkt aus den Zahlen oben ergeben.
- Wie viel Fläche steckt dahinter? Tierische Erzeugnisse binden über den Futteranbau am meisten, deshalb bewegt ihr Anteil auf dem Teller mehr als jede Herkunftsangabe
- Wie wird die Fläche bewirtschaftet? Ökologischer Anbau bringt im Mittel rund 30 Prozent mehr Arten, am deutlichsten dort, wo die Umgebung intensiv genutzt wird
- Wie lange wird das Produkt genutzt? Bei Kleidung ist die Fläche mit dem Kauf verbraucht, jede weitere Saison verteilt sie auf mehr Nutzung
- Kommt der Rohstoff aus einer artenreichen Region? Kaffee, Kakao, Palmöl und Baumwolle sind die Fälle, bei denen sich ein Blick auf Herkunft und Anbauweise wirklich lohnt
Keine dieser Fragen verlangt Verzicht als Prinzip. Sie verlangen, dass du weißt, an welcher Stelle dein Einkauf überhaupt Fläche bewegt: bei Lebensmitteln über den Anteil tierischer Erzeugnisse, bei Kleidung über Menge und Tragedauer, bei Kosmetik über die Rohstoffe. Wer zusätzlich vor der eigenen Tür etwas tun will, findet praktische Hinweise in unserem Beitrag zu Insekten auf dem Balkon.
Häufige Fragen zu Konsum und Artenvielfalt
Wie hängt mein Einkauf mit dem Verlust von Arten zusammen?
Welche Kaufentscheidung wirkt am stärksten auf die Artenvielfalt?
Bringt Bio wirklich etwas für die Artenvielfalt?
Warum gibt es kein Siegel für Artenvielfalt?
Passiert der Verlust eher in Deutschland oder im Ausland?
Warum die Fläche der ehrlichste Maßstab ist
Artenvielfalt lässt sich nicht auf einen Wert pro Packung eindampfen, und wer das verspricht, verkauft dir eine Zahl, die es nicht gibt. Was sich sagen lässt, ist trotzdem konkret: Der Verlust hängt an der Landnutzung, die Landnutzung hängt an dem, was erzeugt wird, und der größere Teil der Fläche hinter dem deutschen Einkaufskorb liegt nicht in Deutschland. Das macht die Wirkung unsichtbar, nicht kleiner.
Es bewegt sich etwas. Der Anteil ökologisch bewirtschafteter Fläche wächst, die Zahlen der Vogelbestände fallen nicht mehr weiter, und ab Ende 2026 müssen Unternehmen für Palmöl, Kakao, Soja und Kaffee belegen, dass keine Entwaldung dahintersteckt. Bis dahin ist die brauchbarste Frage an der Ladentheke keine moralische, sondern eine sachliche: Wie viel Fläche hat das hier gebraucht, und wie wurde sie behandelt.[6] [7] [9]
Quellen und Belege
Hier stehen die zugeordneten Aussagen und ihre Quellen. Ob und wie eine Aussage geprüft wurde, steht auf ihrer eigenen Seite.