Angefangen hat dieser Text mit zwei Zahlen, die beide belegt sind und trotzdem nicht zusammenpassen. Auf der einen Seite 7.200 Liter Wasser pro Kopf und Tag. Auf der anderen 5.288 Liter. Gemeint ist dasselbe Land, derselbe Alltag, dieselbe Größe. Wer wissen will, wie viel Wasser hinter einem T-Shirt, einer Tasse Kaffee oder einem Steak steckt, landet früher oder später genau in diesem Abstand.
Beide Zahlen beschreiben virtuelles Wasser. Damit ist die Wassermenge gemeint, die bei Anbau, Herstellung und Transport eines Produkts gebraucht wird, ohne dass man sie dem fertigen Produkt ansieht. Im Baumwollhemd steckt kein Wasser mehr, im Kaffeepulver auch nicht. Gebraucht wurde es trotzdem, nur eben auf dem Feld, in der Fabrik und auf dem Weg dorthin.
Wir erklären der Reihe nach, was virtuelles Wasser misst, warum zwei seriöse Absender zu so verschiedenen Ergebnissen kommen und warum die Literzahl allein die falsche Frage beantwortet. Danach kannst du eine Wasserzahl aus dem Netz einordnen, statt sie zu glauben oder achselzuckend abzutun.
Was virtuelles Wasser beschreibt
Virtuelles Wasser ist eine Rechengröße, keine Substanz. Sie addiert alles Wasser, das in der Kette vor einem Produkt gebraucht wurde: Regen, der auf dem Acker verdunstet ist, Grundwasser, das in die Bewässerung ging, und Wasser, das verschmutzt wieder abgeflossen ist. Rechnet man diese Mengen für eine Person, ein Produkt oder ein ganzes Land zusammen, entsteht der Wasserfußabdruck.
Der Unterschied zum direkten Verbrauch ist groß. Was aus dem Hahn kommt, steht am Zähler und auf der Nebenkostenabrechnung. Das virtuelle Wasser fällt fast vollständig dort an, wo weder Zähler noch Rechnung stehen: auf einem bewässerten Feld, in einer Färberei, in einer Verarbeitungsanlage irgendwo entlang der Lieferkette. Sichtbar wird es nur, wenn jemand die Kette zurückrechnet.
Genau dieses Zurückrechnen ist der wunde Punkt. Es gibt keinen Zähler, der die Summe misst, sondern nur Modelle, die Anbaustatistiken, Handelsdaten und Verbrauchsmuster miteinander verknüpfen. Wer andere Annahmen trifft, bekommt ein anderes Ergebnis. Deshalb lohnt sich der Blick auf die zwei Zahlen vom Anfang.
Warum zwei seriöse Zahlen so weit auseinanderliegen
Die Wasserfußabdruck-Daten des Umweltbundesamts nennen für Deutschland rund 7.200 Liter pro Kopf und Tag. Im Haushalt selbst, also Dusche, Toilette, Waschmaschine und Küche zusammen, fallen dagegen nur etwa 130 Liter an. Der weitaus größte Teil des Verbrauchs steckt demnach in Dingen, die wir kaufen, nicht in der Leitung.[1]
Die Wasser-Fußabdruck-Berechnung des WWF kommt für dasselbe Land auf 5.288 Liter pro Kopf und Tag. Der WWF stützt sich dabei erklärtermaßen auf eine Studie, die 2009 veröffentlicht wurde. Zwischen beiden Angaben liegen also nicht nur verschiedene Rechenwege, sondern auch mehr als ein Jahrzehnt Abstand in der Datengrundlage.[1]
Beides sind Modellrechnungen, keine Messwerte. Niemand hat den Wasserverbrauch hinter jedem einzelnen Einkauf erfasst. Welche Produktgruppen einbezogen werden, wie Verschmutzung bewertet wird und aus welchem Jahr die Handelsdaten stammen, verschiebt das Ergebnis um Hunderte Liter pro Kopf und Tag. Wer eine der beiden Zahlen als harten Fakt zitiert, verkauft eine Genauigkeit, die es an dieser Stelle nicht gibt.
Welcher Wert näher an der Wirklichkeit liegt, können wir nicht entscheiden. Was sich sagen lässt: Beide Rechnungen kommen auf dieselbe Größenordnung und auf dieselbe Verteilung. Der sichtbare Verbrauch im Haushalt ist der kleine Teil, der unsichtbare Verbrauch über Produkte der große. Diese Aussage trägt, egal welche der beiden Zahlen man nimmt.

Was die Literzahl nicht verrät
Die zweite Schwäche der großen Zahl ist, dass sie sehr verschiedene Dinge addiert. Das Umweltbundesamt unterscheidet drei Sorten Wasser, und die sind ökologisch nicht dasselbe.
- Grünes Wasser ist Regen- und Bodenwasser, das Pflanzen aufnehmen und wieder verdunsten. Es wäre auch ohne den Acker gefallen. Ein Getreidefeld im Münsterland trinkt fast ausschließlich grünes Wasser.
- Blaues Wasser ist Grund- oder Oberflächenwasser, das für die Herstellung entnommen und nicht in das Gewässer zurückgeführt wird. Das ist die Sorte, die in trockenen Regionen tatsächlich fehlt.
- Graues Wasser ist gar keine entnommene Menge, sondern eine Rechengröße: die Wassermenge, die nötig wäre, um die entstandene Verschmutzung wieder auf ein akzeptables Maß zu verdünnen.
Wer diese drei Mengen zu einer einzigen Literzahl addiert, verliert genau die Information, auf die es ankommt. Das Umweltbundesamt sagt das ausdrücklich: Ein hoher Wasserfußabdruck in wasserreichen Regionen ist weniger problematisch als in wasserarmen. Getreide aus dem Regen Norddeutschlands und Gemüse aus einer bewässerten Ebene in Südspanien können denselben Literwert tragen und trotzdem völlig verschieden wirken.[2]
Deshalb arbeitet die Forschung an einer besseren Größe. Das Forschungsvorhaben der TU Berlin im Auftrag des Umweltbundesamts entwickelt den Wasserfußabdruck methodisch weiter, weil der klassische volumenbasierte Ansatz die Belastungen entlang eines Produktlebenszyklus nur unvollständig abbildet. Gewichtet wird dabei nach Knappheit: Derselbe Liter zählt schwerer, wenn er aus einer Region kommt, in der Wasser knapp ist.[2]
Wo das Wasser fehlt, das in unserem Einkaufswagen landet
Die aufschlussreichste Angabe des Umweltbundesamts ist deshalb nicht die Gesamtmenge, sondern die Verteilung. 86 Prozent des Wassers, das in unserem Konsum steckt, fällt im Ausland an. Der kleinere Rest stammt aus Deutschland selbst.[2]
Wo genau, macht den Unterschied. Als besonders relevante Regionen nennt das Forschungsvorhaben Südeuropa, Nordafrika, Südasien und Nordamerika. Das sind zum Teil Gegenden, in denen die Grundwasserspiegel seit Jahren sinken und in denen Landwirtschaft, Industrie und Trinkwasserversorgung um dieselbe Quelle konkurrieren. Ein Liter, der dort für ein europäisches Supermarktregal entnommen wird, fehlt vor Ort tatsächlich.[2]
Der WWF formuliert denselben Gedanken kürzer: Es kommt immer darauf an, wann, wo und wie viel Wasser aus der Natur entnommen wird. Damit rücken beide Absender von der reinen Mengenlogik ab, obwohl beide eine Mengenzahl veröffentlichen. Dieser Widerspruch ist kein Versehen, sondern der ehrliche Stand der Debatte.[2]
Für den Alltag folgt daraus etwas Unbequemes. Die nützliche Frage lautet nicht, wie viele Liter auf dem Etikett stehen, sondern wo das Produkt gewachsen ist. Darauf gibt es in den meisten Regalen keine Antwort. Wir haben in einem Frankfurter Supermarkt die Rückseiten von einem Dutzend Packungen gelesen: Nährwerte, Zutaten, bei Obst und Fleisch ein Herkunftsland, kein einziges Wort zu Wasser.

Was das für Kleiderschrank und Küche bedeutet
Zwei Bereiche machen den größten Teil des virtuellen Wassers aus: Kleidung und Essen. Bei Textilien ist Baumwolle der bestimmende Faktor. Die SEI-Analyse zu Baumwolle und Hanf beziffert den Bedarf für ein Kilogramm verwendbare Baumwollfaser auf rund 9.758 Liter, gerundet also etwa 9.000 bis 10.000 Liter. Hanffaser liegt bei etwa 2.400 bis 3.400 Liter.
Diese Werte stammen aus dem Jahr 2005 und sagen nichts darüber, wo die Pflanze stand. Genau das ist der Punkt: Regengespeiste Baumwolle in Westafrika und bewässerte Baumwolle in einer Trockenregion tragen denselben Literwert und haben völlig verschiedene Folgen für die Menschen davor und danach. Warum Hanf als Faser trotzdem interessant bleibt, steht ausführlich im Artikel über Hanf als Textilfaser.
Beim Essen sind es die tierischen Produkte. Die Wasser-Fußabdruck-Berechnung des WWF nennt für ein Kilogramm Rindfleisch 15.500 Liter virtuelles Wasser, für Schweinefleisch 4.800 und für Hühnerfleisch 3.900 Liter. Auch hier gilt der Vorbehalt: Die Zahlen mitteln über sehr verschiedene Haltungsformen, Futtermittel und Anbauregionen. Als Rangfolge sind sie belastbar, als Punktwert für ein konkretes Stück Fleisch im Kühlregal nicht.[3]
- Herkunft lesen, wo sie draufsteht. Bei Obst und Gemüse ist das Ursprungsland Pflicht. Tomaten aus einer bewässerten Anbauregion im Hochsommer sind eine andere Wasserfrage als Tomaten aus dem Freiland in der Nähe.
- Bei Textilien auf die Faser achten und, wenn die Marke es angibt, auf das Anbauland. Leinen und Hanf brauchen deutlich weniger Wasser als Baumwolle.
- Weniger wegwerfen wirkt doppelt. Ein Kleidungsstück oder ein Lebensmittel im Müll hat sein virtuelles Wasser bereits vollständig verbraucht.
- Die Rangfolge nutzen statt der Nachkommastelle. Rind vor Schwein vor Geflügel, Baumwolle vor Hanf und Leinen: Diese Reihenfolge ist stabil, auch wenn die genauen Liter schwanken.

Was wir bei der Recherche nicht belegen konnten
Drei Dinge sind uns nicht gelungen. Erstens haben wir keine aktuelle Neuberechnung des WWF-Werts gefunden. Die Seite führt die Zahlen weiter, die Datenbasis bleibt die Studie von 2009. Zweitens fanden wir keine öffentlich zugängliche, nach Knappheit gewichtete Pro-Kopf-Zahl für Deutschland, die man neben die 7.200 Liter stellen könnte. Das Forschungsvorhaben beschreibt die Methode ausführlich, liefert aber keinen griffigen Ersatzwert für den Alltagsgebrauch.
Drittens haben wir für kein einziges Alltagsprodukt eine Angabe gefunden, die Wassermenge und Herkunftsregion zusammen ausweist. Genau diese Kombination wäre die nützliche Information. Solange sie fehlt, bleibt die ehrlichste Antwort auf die Frage nach dem Wasser in einem Produkt eine Größenordnung mit einem deutlichen Fragezeichen dahinter.
Häufige Fragen zu virtuellem Wasser
Was ist virtuelles Wasser?
Wie viel virtuelles Wasser verbraucht eine Person in Deutschland pro Tag?
Warum sagt die Literzahl allein so wenig aus?
Welche Produkte haben den höchsten Wasserfußabdruck?
Bringt Wassersparen im Haushalt dann überhaupt noch etwas?
Die Herkunft sagt mehr als die Literzahl
Virtuelles Wasser ist ein nützlicher Begriff, weil er sichtbar macht, dass der größte Teil unseres Wasserverbrauchs nicht aus dem Hahn kommt, sondern aus dem Einkaufskorb. Als Präzisionsinstrument taugt er nicht. Zwei seriöse Absender nennen für dasselbe Land zwei Zahlen mit fast zweitausend Litern Abstand, und beide haben nachvollziehbare Gründe dafür.
Was bleibt, ist die bessere Frage. Nicht wie viele Liter, sondern woher. Wasser aus einer regenreichen Region ist etwas anderes als Wasser aus einem sinkenden Grundwasserleiter, auch wenn die Rechnung dieselbe Zahl ausspuckt. Wer beim nächsten Etikett auf das Herkunftsland schaut statt auf eine kursierende Literangabe, liegt näher an der Sache. Für den sichtbaren Teil zu Hause gibt es die siebentägige Wasserspar-Challenge, und wer im Sommer gießt, findet die konkreten Regeln im Ratgeber zum Bewässern bei Hitze.
Quellen und Belege
Hier stehen die zugeordneten Aussagen und ihre Quellen. Wie eine Aussage geprüft wurde, lässt sich auf ihrer eigenen Seite nachlesen.