Der Mantel kommt wieder aus dem Schrank, der Reißverschluss klemmt, und am Ellenbogen des Lieblingspullovers ist ein Loch. Manche Labels der Slow Fashion haben für solche Momente ein Angebot: Sie reparieren die eigenen Teile, geben sie auf Zeit ab oder nähen sie erst, wenn jemand sie bestellt.
Ob so ein Angebot mehr ist als ein Aushängeschild, entscheidet eine Frage: Ersetzt es Neuproduktion, oder kommt es zur Kollektion dazu? Für diesen Artikel haben wir die Angebote von drei Marken auf ihren eigenen Seiten gelesen und neben Studien und amtliche Stellen gelegt. Die drei Marken stehen als Beispiele für ein Geschäftsmodell da und sind keine Empfehlung.
Warum Marken über solche Dienste gerade ohnehin nachdenken müssen
Seit dem 19. Juli 2026 dürfen große Unternehmen mit mehr als 250 Beschäftigten oder mehr als 50 Millionen Euro Jahresumsatz unverkaufte Kleidung, Bekleidungszubehör und Schuhe nicht mehr vernichten. Für mittlere Unternehmen gilt das ab dem 19. Juli 2030. So fasst es die Erklärseite vom Umweltbundesamt zum Vernichtungsverbot zusammen, dort steht auch die Pflicht, Anzahl, Gewicht, Gründe und Entsorgungsweg entsorgter Ware jährlich offenzulegen. Ob eine bestimmte Marke darunter fällt, hängt von ihrer Größe ab.[1]
Unverkaufte Ware weiterzuverkaufen, zu spenden oder für die Wiederverwendung aufzubereiten, hat dabei Vorrang. Vernichtet werden darf nur unsichere, beschädigte, gefälschte oder von Spendenorganisationen abgelehnte Ware, und das muss belegt werden. Wie groß das Problem ist, beziffert die Analyse der Europäischen Umweltagentur von 2024: Geschätzt 4 bis 9 Prozent der in Europa in Verkehr gebrachten Textilien werden vernichtet, ohne je genutzt worden zu sein, das sind 264.000 bis 594.000 Tonnen im Jahr. Die Agentur hält selbst fest, dass es Schätzungen sind und offene Daten fehlen.[2] [3]
Beim Reparieren sieht die Lage anders aus. Die Richtlinie 2024/1799 im Amtsblatt der Europäischen Union verlangte die Umsetzung bis zum 31. Juli 2026, und die Reparaturpflicht des Herstellers gilt nur für die Warengruppen in ihrem Anhang II. Für Kleidung gibt es nach Angaben des Netzwerks Runde Tisch Reparatur weder Reparierbarkeitsanforderungen noch einen Anspruch auf Ersatzteile. Was Marken bei Kleidung anbieten, ist deshalb freiwillig, und genau dort lohnt der prüfende Blick.[4] [5]
Reparatur wirkt nur, wenn danach wieder getragen wird
Als Beispiel für Reparatur als Angebot dient hier Nudie Jeans. Laut der Hilfeseite von Nudie Jeans zu kostenlosen Reparaturen lassen sich die Jeans der Marke in eigenen Repair Shops und bei Partnern beliebig oft kostenlos reparieren, unabhängig davon, wann und wo sie gekauft wurden. Vor der Reparatur sollen sie frisch gewaschen sein.[6]
Wie viel eine längere Nutzung bringt, zeigt die Berechnung der britischen Abfallorganisation WRAP. Danach würden Klima-, Wasser- und Abfallfußabdruck von Kleidung um je etwa 20 bis 30 Prozent sinken, wenn sie im Schnitt neun Monate länger aktiv genutzt würde. Das ist eine Modellrechnung für Großbritannien aus dem Jahr 2012 und kein Messwert für einen einzelnen Service. Wie viele Jeans dank der Reparatur tatsächlich länger getragen werden, verrät die Seite von Nudie Jeans nicht.[7]
In Deutschland werden im Schnitt rund 35 Kleidungsstücke pro Kopf und Jahr gekauft, so zitiert es die Studie des Umweltbundesamts zur Nutzungsdauer von Bekleidung. Eine Greenpeace-Befragung von 2015, die dieselbe Studie anführt, fand bei Erwachsenen im Schnitt 95 Teile im Schrank, von denen 19 Prozent (fast) nie und weitere 20 Prozent selten getragen werden. Ein Reparaturservice hilft bei Teilen, die im Umlauf sind; für den Stapel selten getragener Stücke leistet er nichts. Das ist unsere Folgerung aus diesen Zahlen, keine Aussage der Studie.[8] [9]
Ob ein Reparaturversprechen trägt, lässt sich an drei Fragen prüfen: Ist die Reparatur kostenlos oder nur vergünstigt? Gilt sie auch für Teile, die du anderswo gekauft hast? Gibt es außerdem einen Ort in Reichweite, oder bedeutet Reparatur Einschicken und Warten? Das Umweltbundesamt nennt langlebige Bekleidung, eine verlängerte und intensivere Nutzung sowie insgesamt weniger Konsum als wirksamste Ansätze. Eine Reparaturgarantie allein macht ein Teil deshalb noch nicht langlebig, sie muss zu Kleidung passen, die du gern trägst.[10]

Miete lohnt, wenn sie einen Neukauf ersetzt
Als Beispiel für Miete dient die Kooperation von LANIUS. Laut der Mietseite von LANIUS läuft die Miete über die Kleiderei, die Lieblingsteile der Marke im Leihmodell anbietet. Im Leihmodell der Kleiderei können Mitglieder bis zu vier Teile gleichzeitig ausleihen und beliebig oft ohne Zusatzkosten tauschen. Zum Preis der Mitgliedschaft und zur Reinigung nennen die von uns gelesenen Seiten nichts, das bleibt offen.[11]
Was das Ausleihen bringt, hängt vom Kleidungsstück ab. In der Studie im Fachjournal Scientific Reports von 2025 verursacht ein selten getragenes formelles Kleid gemietet pro Tragevorgang rund 84 Prozent weniger Emissionen als gekauft, weil die durchschnittliche Lebenstragezahl von 12 auf 117 steigt. Bei häufig getragenen oder saisonalen Stücken kehrt sich der Effekt um: Gemietete Pullover verursachen rund 112 Prozent, gemietete Mäntel rund 214 Prozent mehr Emissionen als gekaufte.[12]
Die Untersuchung der Lund University zu Miet-Kleidung wertet 14 Konsumszenarien aus. Ökologische Vorteile entstehen danach nur, wenn das Mieten einen Neukauf tatsächlich ersetzt statt ihn zu ergänzen, die Stücke vor der Rückgabe mehrfach getragen werden und die Wege zur Mietstation kurz bleiben. Beide Belege sind Modellrechnungen und Szenarien. Wie oft Mitglieder der Kleiderei ein Teil leihen, statt es neu zu kaufen, wissen wir nicht. Mieten ist deshalb nicht automatisch nachhaltiger als Kaufen.[13]

Fertigung auf Bestellung nimmt den Vorrat, aber der Beleg ist dünn
Wild & Pree steht hier als Beispiel für Fertigung nach Bestellung. Im Blogbeitrag von Wild & Pree über Fertigung nach Bestellung heißt es, jedes Stück werde erst nach der Bestellung zugeschnitten, genäht und verpackt. Die Marke räumt ein, dass das Zeit braucht, und nennt keine feste Lieferzeit. Einen Firmensitz im deutschsprachigen Raum nennt der Beitrag nicht.[14]
Die Logik dahinter ist einleuchtend. Als Treiber für Überbestände nennt dieselbe Analyse der Europäischen Umweltagentur schwer vorhersagbare Absatzmengen und die Neigung von Unternehmen, lieber mehr Ware vorrätig zu halten, um kürzere Lieferzeiten zu erreichen. Wer erst nach der Bestellung näht, hat keinen Vorrat, der übrig bleiben kann, und nimmt dafür Wartezeit in Kauf. Diese Verbindung ziehen wir selbst, die Agentur zieht sie nicht.[15]
Für diesen Artikel haben wir nach einer unabhängigen Untersuchung gesucht, die misst, wie viel Überproduktion Fertigung nach Bestellung tatsächlich vermeidet, und keine gefunden. Ob auf Bestellung genähte Kleidung länger getragen wird als andere, ist ebenfalls offen. Grundsätzlich frei von Überproduktion können wir sie deshalb nicht nennen. Das Modell beseitigt einen Vorrat, der Ursache sein kann, und sagt über Material, Verarbeitung und Nutzungsdauer nichts aus.

Was von den drei Diensten bleibt und was du daraus mitnimmst
Die EU-Regeln sind verbindlich, die Angebote der Marken freiwillig. Das Vernichtungsverbot verändert, was große Unternehmen mit Überbeständen tun dürfen. Für Kleidung gibt es nach dem Runden Tisch Reparatur dagegen keinen Anspruch auf Ersatzteile, auf den du dich berufen könntest. Alle drei Beispiele in diesem Artikel beruhen auf Angaben der Marken selbst, unabhängig geprüft ist keines. Ob sie Bestand haben, zeigt sich erst, wenn die Angebote über Jahre gepflegt werden.[1] [5]
Für dich heißt das, bei jedem Angebot zu fragen, was es ersetzt. Ein Reparaturservice zählt, wenn du das Teil danach länger trägst. Eine Miete zählt, wenn du dafür nichts Neues kaufst. Fertigung auf Bestellung zählt, wenn du das Stück lange trägst und nicht nach einer Saison ersetzt. Ein Dienst, der langlebige Ware und längere Nutzung stützt, ist dann mehr als Marketing. Zum Recht auf Reparatur lohnt unser Artikel über Europas Reparaturkultur, zur Klimabilanz des Mietens der über Kleidung mieten im Sommer.[10]
Häufige Fragen zu Reparatur, Miete und Fertigung auf Bestellung
Ist Mieten immer nachhaltiger als Kaufen?
Woran erkenne ich, ob das Reparaturversprechen einer Marke tragfähig ist?
Was bringt Fertigung auf Bestellung gegen Überproduktion?
Gilt das Vernichtungsverbot für alle Marken?
Quellen und Belege
Hier stehen die zugeordneten Aussagen und ihre Quellen. Ob und wie eine Aussage geprüft wurde, steht auf ihrer eigenen Seite.
