Offener Karton mit gebrauchten Schulsachen auf einem hellen Holztisch, daneben Buntstifte und ein Holzlineal
Der Karton, der von einer Familie zur nächsten wandert, ist die eine Hälfte des Kreises

Warum Familien Schulsachen weitergeben und trotzdem neu kaufen

79 Prozent geben weiter, was sie nicht mehr brauchen. Gebraucht gekauft wird kaum. Was die Zahlen zum Schulstart zeigen und woran es wirklich hakt.

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Vor dem Schulanfang läuft in vielen Familien dieselbe Runde ab. Erst wird durchgesehen, was vom letzten Jahr noch taugt, dann wird ergänzt, und was übrig bleibt, geht an die nächste Familie, in eine Kiste im Keller oder in den Müll. Der erste Teil dieser Runde hat sich in den vergangenen Jahren spürbar verändert. Sachen weiterzugeben, ist selbstverständlich geworden, und niemand verbucht das als Nachhaltigkeit.

Für diesen Artikel wollten wir wissen, ob die Runde auch andersherum funktioniert, ob also genauso selbstverständlich gebraucht gekauft wird, wie weitergegeben wird. Die Antwort steht in einer Erhebung des Umweltbundesamtes, sie ist eindeutig und unbequem. Der Kreis ist nur auf einer Seite geschlossen.

Wir gehen der Reihe nach durch, wie groß der Termin Schulstart überhaupt ist, was sich in diesem Jahr preislich verändert hat, was die Zahlen über Weitergeben und Kaufen sagen und woran der Gebrauchtkauf tatsächlich scheitert. Was in Ranzen, Mäppchen und Brotdose gehört, steht im Ratgeber zum nachhaltigen Schulalltag, um Schulkleidung geht es in einem eigenen Text zum Schulstart.

Der Schulstart ist ein Konsumtermin mit festem Datum

Wie viele Familien gleichzeitig einkaufen, lässt sich für den Anfang der Schulzeit gut beziffern. Zum Schuljahr 2025/2026 wurden nach vorläufigen Ergebnissen des Statistischen Bundesamtes rund 811 500 Kinder eingeschult, 2,2 Prozent weniger als im Jahr davor. Dazu kommen alle anderen Jahrgänge, für die zwar kein Ranzen fällig wird, aber Hefte, Stifte, Sportsachen und irgendwann ein Taschenrechner. Was eine Familie dafür im Schnitt ausgibt, konnten wir nicht seriös belegen. Die Beträge, die dazu jedes Jahr kursieren, stammen meist aus Umfragen von Anbietern ohne offengelegte Methodik, deshalb steht hier keiner davon.[1]

Messbar ist dagegen die Preisentwicklung. Das Statistische Bundesamt hat dafür in seiner Zahl der Woche vom 14. Juli 2026 den Verbraucherpreisindex ausgewertet. Sonstiges Schreib- und Zeichenmaterial, also Füller, Stifte und Farbkästen, kostete im Juni 2026 3,5 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Schul- und Lehrbücher lagen 2,3 Prozent darüber und damit genau im Schnitt der Verbraucherpreise. Papierprodukte wie Schulhefte und Zeichenblöcke waren mit minus 0,3 Prozent sogar minimal billiger als im Vorjahr. Teurer geworden ist also vor allem das, was in kleinen Mengen und trotzdem in Summe gekauft wird.

Damit zeigen zwei Motive in dieselbe Richtung, was selten vorkommt. Wer beim Schulbedarf spart, schont nebenbei Ressourcen. Wer Ressourcen schonen will, spart nebenbei Geld. Genau in dieser Konstellation müsste der Gebrauchtkauf einen guten Lauf haben. Ob Familien daraus tatsächlich andere Kaufentscheidungen ableiten, ist eine andere Frage.

Gebrauchter Schulranzen mit sichtbaren Gebrauchsspuren hängt an einem Eisenhaken an einer hellen Flurwand
Ranzen gehören zu den wenigen Schulsachen, bei denen sich die Suche nach gebrauchter Ware wirklich lohnt

Weitergeben ist normal geworden, gebraucht kaufen nicht

Die belastbarste bundesweite Erhebung zu dieser Frage ist ein Fact Sheet des Umweltbundesamtes zum Gebrauchtkauf. Es hat einen Haken, den wir gleich vorweg nennen. Der Stand ist Oktober 2020, und die Zahlen stammen aus einer Online-Befragung von Mai bis Juli 2018 mit 1.310 Personen zwischen 18 und 65 Jahren. Das sind die jüngsten bundesweiten Zahlen zu dieser Frage, die wir gefunden haben. Tagesaktuell sind sie nicht, und auf 2026 hochrechnen lassen sie sich seriös nicht.

Das Muster, das sie zeigen, ist trotzdem deutlich. Die Weitergabe ist der Normalfall, 79 Prozent verkaufen oder verschenken Alltagsgegenstände und Kleidung, die im Haushalt nicht mehr gebraucht werden. Der Einkauf bleibt dagegen klein. Wer immer oder häufig Gebrauchtes kauft, gehört je nach Warengruppe zu einer Minderheit zwischen sieben Prozent bei Werkzeugen und maximal 12 Prozent bei Kleidung. Etwa zwei Drittel kaufen wenigstens gelegentlich in mindestens einer Warengruppe gebraucht, regelmäßig tut es kaum jemand. Das Umweltbundesamt zieht daraus selbst den nüchternen Schluss, dass wer Gebrauchtes weitergibt, deswegen nicht häufiger gebraucht einkauft.

Innerhalb dieses kleinen Anteils gibt es allerdings Unterschiede, die Familien direkt betreffen. Für Kinder wird häufiger Gebrauchtes gekauft als für Erwachsene. Befragte, die ohne Partnerin oder Partner mit Kindern leben, kaufen überdurchschnittlich oft gebrauchte Alltagsgegenstände. Das Hauptmotiv ist dabei nicht die Ökologie. Zwei Drittel der Gebrauchtkäuferinnen und Gebrauchtkäufer nennen den günstigeren Preis, knapp ein Drittel die Ressourcenschonung. Wer also mit Kindern gebraucht kauft, tut das meistens, weil es passt und billiger ist, nicht weil es ein Statement wäre.

Wie stark das Budget mitspielt, zeigt sich bei Kleidung besonders klar, und zwar anders herum, als es in Sortimenten und Kampagnen oft aussieht. Haushalte mit einem Nettoeinkommen ab 4.000 Euro im Monat geben zu 73 Prozent an, nie gebrauchte Kleidung zu kaufen. Bei Haushalten unter 3.000 Euro sind es 58 Prozent. Gebraucht kaufen ist demnach eher eine Praxis knapper Budgets als eine Frage der Haltung. Das ist beim Schulstart wichtig, weil dort beides zusammenkommt, ein fester Termin und ein begrenztes Budget.

Holztisch mit flachen Kisten voller Turnbeutel, Malkästen und Taschenrechner bei einer Tauschaktion im Freien
Wo in der Schule getauscht wird, fallen Suchzeit und Vorbehalte gleichzeitig weg

Woran es hakt, ist selten die Überzeugung

Das Fact Sheet nennt auch die Gründe, die gegen den Gebrauchtkauf sprechen, und sie klingen sämtlich nach Alltag statt nach Weltanschauung. Genannt werden fehlende Transparenz über Qualität und Gewährleistung, schwieriges Auffinden, geringe Auswahl und bei Kleidung die Wahrnehmung, Gebrauchtes sei unhygienisch. Das ist kein Überzeugungsproblem, sondern ein Organisationsproblem. Für den Schulstart folgt daraus dreierlei.

Die Suche muss kürzer sein als der Weg in den Laden

Schwieriges Auffinden und geringe Auswahl sind der Kern des Problems. Wer im August abends eine Stunde durch Kleinanzeigen scrollt, um einen Zirkel für drei Euro zu finden, hört beim zweiten Mal auf, und zwar zu Recht. Realistisch ist deshalb, gebraucht nur dort zu suchen, wo die Trefferquote hoch und der Preisunterschied spürbar ist, also bei wenigen teuren Dingen, die lange halten. Ein Ranzen, ein Musikinstrument, ein Taschenrechner. Hefte und Stifte gebraucht zu jagen, lohnt den Aufwand nicht.

Der kürzeste Weg führt über die Schulgemeinschaft

Der Ort, an dem beide Seiten des Kreises zusammenkommen, ist die Schule selbst. Wo ein Basar stattfindet, eine Tauschkiste im Foyer steht oder eine Liste im Elternchat läuft, fallen Suchzeit und Hygienebedenken gleichzeitig weg, weil klar ist, von wem die Sachen kommen. Wer ohnehin etwas abgeben will, kann bei der Gelegenheit fragen, ob es dafür schon eine feste Stelle gibt. Wie viele Schulen so etwas haben, ist unseres Wissens nirgends erhoben, das Prinzip greift aber genau an den Hürden an, die die Befragten benannt haben.

Beim Gebrauchtkauf entscheidet, was sich vorher prüfen lässt

Fehlende Transparenz über Qualität und Gewährleistung stand ganz oben unter den Vorbehalten, und der Punkt ist berechtigt. Bei privaten Verkäufen wird die Gewährleistung fast immer ausgeschlossen, ein entsprechender Satz steht in nahezu jeder Anzeige. Praktisch heißt das, dass bei gebrauchten Sachen, die im Schulalltag arbeiten müssen, der Blick auf die Stellen zählt, die zuerst aufgeben. Bei einem Ranzen sind das Reißverschlüsse, Steckschnallen und die Nähte an den Trägern. Was sich vorher ansehen lässt, muss hinterher nicht reklamiert werden.

Zwischen Haltung und Handeln liegt eine Lücke

Dass die Absicht dem Verhalten vorausläuft, ist bei diesem Thema gut dokumentiert. Im Kurzbericht zur Umweltbewusstseinsstudie 2024 halten 70 Prozent der Befragten die Förderung der Kreislaufwirtschaft für sehr wichtig, 79 Prozent nennen die Verringerung von Plastikmüll. Der Gebrauchtkauf, also die alltäglichste Form von Kreislaufwirtschaft, die einem Haushalt zur Verfügung steht, bleibt trotzdem klein. Zustimmung kostet nichts, ein Nachmittag auf einem Basar schon.

Dazu kommt eine Verschiebung, die für Eltern nachvollziehbar ist. Der Anteil derer, die Umwelt- und Klimaschutz insgesamt als sehr wichtig einstufen, ist von 65 Prozent im Jahr 2020 über 57 Prozent 2022 auf 54 Prozent 2024 gefallen. Der Zustand des Bildungswesens steht in derselben Befragung mit 77 Prozent deutlich weiter oben. Wer morgens vor einem Stundenplan mit Ausfällen steht, sortiert seine Sorgen danach, was sich näher anfühlt. Das ist keine Ausrede, sondern die Lage, in der die Entscheidung über einen gebrauchten Zirkel getroffen wird.

Wie groß der Abstand zwischen Absicht und Umsetzung ausfällt, zeigt ein Beispiel, das an jedem Schulstart auf dem Tisch liegt. Eine Auswertung des Blauen Engels zum Heftemarkt kommt auf rund 200 Millionen Schulhefte, die in Deutschland jedes Jahr verkauft werden, und nur etwa jedes zehnte besteht aus Recyclingpapier. Woran das im Einzelnen liegt, sagt die Auswertung nicht. Auffällig ist der Abstand trotzdem, denn eine einfachere Entscheidung als die zwischen zwei nebeneinander liegenden Heftstapeln gibt es beim Schulstart kaum.

Nahaufnahme gestapelter Papierbogen von der Seite, der oberste aus grauem Recyclingpapier mit sichtbaren Faserflecken, darunter glatte helle Bogen
Von rund 200 Millionen verkauften Schulheften besteht nur etwa jedes zehnte aus Recyclingpapier

Häufige Fragen zum Gebrauchtkauf beim Schulstart

Wie viele Menschen in Deutschland kaufen regelmäßig gebraucht?
Regelmäßig tun es wenige, und wie wenige, hängt stark davon ab, worum es geht. Nach dem Fact Sheet Gebrauchtkauf des Umweltbundesamtes liegt der Anteil derer, die immer oder häufig gebraucht kaufen, bei Werkzeugen mit sieben Prozent am unteren Ende und bei Kleidung mit maximal 12 Prozent am oberen. Viel größer ist die Gruppe derer, die es gelegentlich tun, nämlich etwa zwei Drittel in mindestens einer Warengruppe. Gebrauchtkauf ist damit für die meisten keine feste Gewohnheit, sondern etwas, das sich bei passender Gelegenheit ergibt. Wer das für den Schulstart nutzen will, muss die Gelegenheit also selbst herstellen. Die Zahlen stammen aus einer Befragung von 2018, das Fact Sheet hat den Stand Oktober 2020, Aktuelleres haben wir bundesweit nicht gefunden.
Ist Schulbedarf im Jahr 2026 teurer geworden?
Nicht durchgehend, und die Unterschiede sind aufschlussreich. Nach der Zahl der Woche des Statistischen Bundesamtes vom Juli 2026 kostete sonstiges Schreib- und Zeichenmaterial wie Füller, Stifte und Farbkästen im Juni 2026 3,5 Prozent mehr als im Juni des Vorjahres. Schul- und Lehrbücher lagen 2,3 Prozent höher und damit im Schnitt der Verbraucherpreise, Papierprodukte wie Hefte und Zeichenblöcke waren mit minus 0,3 Prozent sogar leicht günstiger. Teurer geworden ist also ausgerechnet das Verbrauchsmaterial, das in vielen kleinen Beträgen anfällt und sich gebraucht kaum sinnvoll besorgen lässt. Für die langlebigen Dinge, bei denen sich die Suche eher lohnt, hilft die Mitteilung nicht weiter, zu Schulranzen weist sie gar keine Zahl aus.
Warum geben so viele Familien Sachen weiter, kaufen aber selbst kaum gebraucht?
Weil die beiden Richtungen unterschiedlich viel Aufwand kosten. Weitergeben fällt beim Aussortieren ohnehin an, der Anlass ist also schon da. Gebraucht zu kaufen ist dagegen ein eigener Vorgang mit ungewissem Ausgang, und genau dort greifen die Hürden, die das Umweltbundesamt erhoben hat, nämlich fehlende Transparenz über Qualität und Gewährleistung, schwieriges Auffinden, geringe Auswahl und bei Kleidung die Wahrnehmung, Gebrauchtes sei unhygienisch. Dazu passt, was Gebrauchtkäufer selbst als Motiv angeben. Zwei Drittel nennen den günstigeren Preis, knapp ein Drittel die Ressourcenschonung. Wer den Gebrauchtkauf mit Umweltargumenten bewirbt, setzt damit beim schwächeren der beiden Motive an und lässt die praktischen Hürden unberührt.
Welche Schulsachen lohnen sich gebraucht und welche nicht?
Aus den genannten Hürden folgt eine einfache Reihenfolge. Je teurer und langlebiger ein Gegenstand ist, desto eher lohnt die Suche. Ranzen, Sportsachen, Musikinstrumente und Taschenrechner sind gute Kandidaten, weil sie selten verschleißen und im Neupreis spürbar sind. Bei Verbrauchsmaterial wie Heften, Stiften und Klebstoff steht der Suchaufwand in keinem Verhältnis zur Ersparnis. Dort bringt die Wahl von Recyclingpapier mehr als die Frage nach neu oder gebraucht.

Was davon im August wirklich zählt

Die ehrliche Zusammenfassung ist unspektakulär. Die eine Hälfte des Kreises läuft in vielen Familien längst, ohne dass jemand ein Etikett darauf klebt. Die andere Hälfte scheitert selten an der Überzeugung und meistens an Zeit, Auffindbarkeit und Auswahl. Wer das weiß, muss sich nicht vornehmen, den kompletten Schulstart gebraucht zu bestreiten. Ein solcher Vorsatz würde genau an den Hürden scheitern, die die Befragten benannt haben, und zurück bliebe das Gefühl, es wieder nicht geschafft zu haben.

Realistischer ist ein einziger Punkt auf der Liste. Ein Gegenstand, bei dem gebraucht leichter ist als neu, und ein Ort, an dem die eigenen aussortierten Sachen verlässlich weiterlaufen. Mehr braucht es in diesem August nicht, und wenn es im nächsten Jahr zwei Punkte sind, hat sich mehr bewegt als durch jeden guten Vorsatz. Wer merkt, dass daraus trotzdem Druck entsteht, findet in unserem Text über nachhaltiges Leben mit Kindern ohne Umerziehung den nötigen Gegenpunkt.

Quellen und Belege

Hier stehen die zugeordneten Aussagen und ihre Quellen. Ob und wie eine Aussage geprüft wurde, steht auf ihrer eigenen Seite.

  1. Zum Schuljahr 2025/2026 wurden in Deutschland nach vorläufigen Zahlen rund 811 500 Kinder eingeschult, 2,2 Prozent weniger als im Vorjahr.

Weitere Quellen ohne Absatzzuordnung

  1. Umweltbundesamt: Fact Sheet Gebrauchtkauf (Stand Oktober 2020, Daten aus einer Befragung von 2018) Original (externe Seite)
  2. Statistisches Bundesamt: Schulanfang, Schul- oder Lehrbücher im Juni 2026 um 2,3 Prozent teurer als ein Jahr zuvor (Zahl der Woche Nr. 29) Original (externe Seite)
  3. Umweltbundesamt: Umweltbewusstsein in Deutschland 2024, Kurzbericht zur Bevölkerungsumfrage Original (externe Seite)
  4. Blauer Engel: Zehn Prozent von 200 Millionen Schulheften Original (externe Seite)