Ein aufgerolltes, verwittertes Fischernetz liegt neben einem gefalteten Ballen blauem Bademodenstoff auf einem Holzsteg
Aus verwittertem Fischernetz kann wieder Garn für Bademode werden, aber nicht jedes recycelte Nylon stammt daher

Wie aus alten Fischernetzen tatsächlich neue Bademode entsteht

Wie chemisches Recycling aus Fischernetzen und Teppichresten neues Nylon für Bademode macht, und wo die Ökobilanz an Grenzen stößt.

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Auf immer mehr Bademoden-Etiketten steht ein Versprechen: Das Nylon stamme aus alten Fischernetzen, die sonst im Meer treiben würden. Das klingt nach einer eleganten Lösung für zwei Probleme auf einmal, Plastikmüll im Ozean und den Rohstoffbedarf der Modeindustrie. Für diesen Artikel wollten wir wissen, was von diesem Versprechen beim genauen Hinsehen übrig bleibt.

Es geht um Polyamid 6, besser bekannt als Nylon, das über ein chemisches Verfahren aus Alt-Material zurückgewonnen wird. Bekanntestes Beispiel ist die Marke ECONYL des italienischen Herstellers Aquafil, die in vielen Bademoden-Kollektionen steckt.

Wir zeigen, wie die Depolymerisation von Nylon-6 technisch funktioniert, woher der Rohstoff tatsächlich stammt, was eine unabhängige Ökobilanz dazu sagt und wo Mikroplastik und Faserabrieb auch bei recyceltem Material ein Thema bleiben.

Wie aus Nylon-Abfall wieder Neuware wird

Regeneriertes Nylon aus Fischernetzen entsteht durch ein Verfahren, das sich chemische Depolymerisation nennt. Nylon-6-Abfall wird dabei unabhängig von seiner Herkunft, ob Fischernetz, alter Teppich oder Produktionsrest, bis zum Monomer Caprolactam zerlegt und aus diesem Grundbaustein wieder zu Fasergarn versponnen. Aquafil beschreibt den Prozess für seine Marke ECONYL so, dass die Qualität am Ende der von fossiler Neuware entspricht und sich beliebig oft wiederholen lässt. Pro 10.000 Tonnen eingesetztem Rohmaterial will das Unternehmen dadurch rund 70.000 Barrel Rohöl einsparen.[1]

Ob sich das unabhängig vom Hersteller auch in der Klimabilanz zeigt, hat eine parametrische Ökobilanz zum chemischen Recycling von Nylon-6 untersucht. Verglichen wurden vier Verfahren der Depolymerisation mit fossil erzeugtem Caprolactam. Die alkalische Route kam auf die größte Einsparung mit rund 80 Prozent weniger Treibhausgasen, die saure Route und die Alkoholyse erreichten etwa 35 Prozent, und ausgerechnet die hydrothermale Route konnte die fossile Referenz unter ungünstigen Bedingungen sogar überschreiten. Keines der vier Verfahren erreichte ein Emissionsniveau, das für 1,5-Grad-Pfade ausreichen würde. Chemisch recycelt ist damit keine automatische Garantie für eine bessere Klimabilanz, das hängt sichtbar am gewählten Verfahren ab.[2]

Nahaufnahme von durchsichtigem Kunststoffgranulat aus recyceltem Polyamid in einer Stahlschale
Am Ende der Depolymerisation steht wieder ein Granulat, kaum von fossiler Neuware zu unterscheiden

Woher das Nylon für recycelte Bademode wirklich kommt

Fischernetze sind dabei nur eine von mehreren Rohstoffquellen. Aquafil nennt für ECONYL vier Kategorien, ohne einen mengenmäßigen Anteil der einzelnen Quellen offenzulegen. Der Materials Market Report 2024 von Textile Exchange zeigt dazu die größere Perspektive: Recyceltes Polyamid macht insgesamt nur rund 2 Prozent des weltweiten Polyamidmarktes aus, und der überwiegende Teil davon stammt aus Vorverbraucherabfällen wie eben Fischernetzen und alten Teppichen, während echte Post-Consumer-Textilien als Rohstoffquelle bislang kaum erschlossen sind.[3]

  • Alt-Nylon aus Aquakultur, Fischerei und geborgenen Geisternetzen
  • Ausrangierte Teppiche und Teppichböden
  • Zurückgenommene Textilien aus Rücknahmeprogrammen
  • Industrieabfälle aus der Garn- und Stoffproduktion

Welchen genauen Anteil Fischernetze am Rohstoffmix eines einzelnen ECONYL-Garns ausmachen, haben wir trotz Recherche bei Hersteller und unabhängigen Berichten nicht gefunden. Wer auf einem Etikett liest, ein Kleidungsstück bestehe aus Fischernetzen, kann daraus also nicht ableiten, wie groß dieser Anteil tatsächlich ist.

Ein gemischter Stapel aus altem Fischernetz und ausrangierten Teppichresten liegt auf dem Betonboden eines Sortierhofs
Fischernetze sind nur eine von mehreren Rohstoffquellen für recyceltes Polyamid

Was das Geisternetz-Problem und Mikroplastik damit zu tun haben

Das Ausgangsproblem, das ECONYL adressiert, ist real und groß. Nach einer Einschätzung der FAO zu Geisternetzen im Meer macht verlorenes oder aufgegebenes Fischereigerät rund 10 Prozent des gesamten Meeresmülls aus, umgerechnet etwa 640.000 Tonnen pro Jahr, die teils monate- bis jahrelang unkontrolliert weiterfischen. Dass laufend neues Material hinzukommt, zeigt eine Studie in Science Advances zu weltweit verlorenem Fischereigerät: Nach einer globalen Befragung von Fischerei-Fachleuten geht jährlich rund 2 Prozent des eingesetzten Geräts neu verloren, darunter mehr als 25 Millionen Körbe und Fallen.[4]

Beim Waschen bringt Nylon dafür einen Vorteil mit, den viele nicht erwarten würden. Eine kanadische Laborstudie zum Faserabrieb von Nylon und Polyester hat gemessen, wie viele Mikrofasern verschiedene Textilien beim Waschen freisetzen. Die Nylonproben verloren im Mittel nur 27 Milligramm Fasern pro Kilogramm Textil und Waschgang, die Polyesterproben dagegen 161 Milligramm, also rund sechsmal so viel. Allerdings waren die Nylonproben überwiegend glatt gewebt aus Endlosfasern, die Polyesterproben meist Fleece und Jersey, also gestrickt und angeraut. Die Studie misst damit Material und Machart zugleich, und dickere Stoffe verloren bei beiden Fasern mehr. Am grundsätzlichen Problem ändert das nichts: Das Umweltbundesamt zählt Textil-Mikrofasern als häufige Quelle von sekundärem Mikroplastik, neben Kunststoffbehältern, Medizinprodukten und Reifenabrieb.[5]

Gemessen wurde dabei der Waschgang, nicht das Schwimmen in Chlor- oder Meerwasser. Ob sich das Verhältnis zwischen Nylon und Polyester dort genauso zeigt, haben wir in keiner Studie gefunden, für Bademode bleibt das deshalb eine offene Frage und keine belegte Zahl.

Ein dunkelblauer Badeanzug hängt flach auf einem Holzbügel vor einer schlichten hellen Wand
Wie lange ein Badeanzug hält, entscheidet über seine Ökobilanz mehr als das Ausgangsmaterial allein

Worauf du beim Kauf achten kannst

Ein Etikett mit dem Wort Fischernetz sagt für sich genommen wenig über Ökobilanz oder Recyclinganteil aus, das zeigen die vorigen Abschnitte. Verlässlicher ist ein Blick auf unabhängige Standards. Der Global Recycled Standard (GRS) prüft und zertifiziert den tatsächlichen Recyclinganteil eines Garns entlang der gesamten Lieferkette, unabhängig davon, aus welchem der vier Abfallströme das Material stammt.

Genauso wichtig wie das Ausgangsmaterial ist, wie lange ein Kleidungsstück hält. Ein Badeanzug, der nach einem Sommer ausleiert, spart am Ende keinen Rohstoff ein, egal wie das Garn hergestellt wurde. Enganliegende Nähte, verstärkte Bündchen und eine Pflegeanleitung, die tatsächlich Chlorwasser berücksichtigt, sagen darüber mehr aus als jede Materialangabe.

Häufige Fragen zu recyceltem Nylon in Bademode

Was ist ECONYL und woraus wird es hergestellt?
ECONYL ist eine Marke des italienischen Herstellers Aquafil für regeneriertes Nylon. Rohstoff sind Fischernetze, ausrangierte Teppiche, zurückgenommene Textilien und Industrieabfälle. Ein chemisches Verfahren zerlegt den Nylon-6-Abfall bis zum Monomer Caprolactam und gewinnt daraus wieder Garn, das laut Hersteller die Qualität von Neuware erreicht.
Stammt recyceltes Nylon für Bademode wirklich hauptsächlich aus Fischernetzen?
Das lässt sich nicht belegen. Fischernetze sind eine von mehreren Rohstoffquellen neben Teppichen, Textilien und Industrieabfällen, einen prozentualen Anteil legt der Hersteller nicht offen. Laut Textile Exchange macht recyceltes Polyamid insgesamt ohnehin nur rund 2 Prozent des globalen Polyamidmarktes aus.
Ist recyceltes Nylon klimafreundlicher als neues Nylon?
Meistens ja, aber nicht garantiert. Eine unabhängige Ökobilanz zeigt Einsparungen zwischen rund 35 und 80 Prozent Treibhausgasen je nach Recyclingverfahren. Ein Verfahren, die hydrothermale Route, kann die fossile Referenz unter ungünstigen Bedingungen sogar übertreffen.
Gibt Bademode aus recyceltem Nylon weniger Mikroplastik ab als Polyester-Bademode?
Für den Waschgang zeigt eine Laborstudie deutlich weniger Faserabrieb bei Nylon als bei Polyester, rund sechsmal weniger. Verglichen wurden dort allerdings glatt gewebte Nylonstoffe mit meist gestricktem Polyester wie Fleece, der Unterschied geht also nicht allein auf das Material zurück. Ob das auch beim Schwimmen in Chlor- oder Meerwasser so ausfällt, ist bislang nicht untersucht, das bleibt also eine offene Frage statt einer belegten Zahl.

Ein echter Fortschritt mit einem übertriebenen Etikett

Chemisches Recycling von Nylon-6 ist ein handfester technischer Fortschritt gegenüber fossiler Neuware, das zeigt die unabhängige Ökobilanz ebenso wie Aquafils eigene Darstellung des Verfahrens. Was sich dagegen nicht belegen lässt, ist die Erzählung, jedes Kleidungsstück bestehe hauptsächlich aus geretteten Fischernetzen. Der Rohstoff ist ein Mix, und Fischernetze sind darin ein Baustein von mehreren.

Wer beim nächsten Bademoden-Kauf das Wort Fischernetz liest, kann sich stattdessen an Standards wie dem GRS orientieren und an der Frage, wie lange das Teil halten soll. Wie sich Mikroplastik aus Textilien insgesamt vermeiden lässt, zeigt unser Artikel dazu, wie du Mikroplastik verstehst und meidest. Wer recyceltes Nylon gegen die häufigere Alternative abwägen will, findet die Details außerdem in unserem Vergleich zu recyceltem Polyester und seinen Vor- und Nachteilen.

Quellen und Belege

Hier stehen die zugeordneten Aussagen und ihre Quellen. Ob und wie eine Aussage geprüft wurde, steht auf ihrer eigenen Seite.

  1. Beim chemischen Recycling von Nylon-6-Abfall zu ECONYL wird das Material bis zum Monomer Caprolactam zerlegt und in derselben Qualität wie fossile Neuware zurückgewonnen; laut Hersteller ist dieser Kreislauf beliebig oft wiederholbar.

  2. Chemisches Recycling von Nylon-6 senkt das Treibhauspotenzial gegenüber fossiler Caprolactam-Neuware, aber unterschiedlich stark je nach Verfahren, und keine der gängigen Recyclingrouten erreicht bislang ein für 1,5-Grad-Pfade ausreichendes Emissionsniveau.

  3. Recyceltes Polyamid bleibt trotz Fischernetz-Kampagnen ein Nischenprodukt: Es macht insgesamt nur rund 2 Prozent des globalen Polyamidmarktes aus, und der größere Teil davon stammt aus Vorverbraucherabfällen wie alten Teppichen und Industrieresten, nicht ausschließlich aus Fischernetzen.

  4. Verlorenes und aufgegebenes Fischereigerät ist ein feststehender, jährlich wachsender Teil des Meeresmülls: Es bildet rund 10 Prozent des gesamten Meeresmülls, und jährlich kommt weiteres Gerät im Umfang von schätzungsweise 2 Prozent des weltweiten Fischereiaufwands hinzu.

  5. Nylon setzt beim Waschen im Labor deutlich weniger Mikrofasern frei als Polyester, aber auch Nylontextilien tragen zur Mikroplastikbelastung bei, die das Umweltbundesamt als eines der ungelösten Umweltprobleme von Textilfasern einordnet.