Reihe transparenter Spendersäulen mit losen Trockenwaren in einem Supermarktgang
Refill-Stationen sind im Vollsortiment selten geworden

Was die Refill-Pilots der Supermärkte 2025 wirklich gezeigt haben

Migros zieht 58 Stationen ab, Rewe und Kaufland machen weiter: Was unterscheidet erfolgreiche Refill-Pilots im Supermarkt von gescheiterten?

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Im Februar 2025 verschwanden in der Schweiz innerhalb weniger Wochen 58 Refill-Stationen aus den Regalen. Migros, mit Abstand der grösste Lebensmittelhändler des Landes, beendete das seit 2020 laufende Programm in 51 eigenen Filialen und 7 Alnatura-Märkten. Die Begründung: zu geringe Nachfrage, zu hoher Aufwand für Bewirtschaftung und Reinigung.

Fast gleichzeitig laufen die Pilots von Rewe in elf deutschen Märkten weiter, Kaufland steuert acht Filialen quer durch die Republik, Spar Österreich hält an 15 Standorten fest. Was in der Schweiz scheiterte, läuft anderswo weiter, manchmal seit Jahren. Die naheliegende Frage nach dem Migros-Aus lautet daher nicht, ob Supermarkt-Refill funktioniert, sondern unter welchen Bedingungen.

Dieser Artikel zieht eine nüchterne Bilanz der großen Refill-Pilots im Lebensmittelhandel zwischen 2020 und 2026. Welche Anbieter, welche Technologie, welche Standorte, welche Daten. Das gehört zu unserer Bestandsaufnahme der Unverpackt-Idee in DACH 2026, die den Gesamtwandel beschreibt; hier geht es um ein einzelnes Segment innerhalb dieser Verlagerung.

Was ein Refill-Pilot im Supermarkt eigentlich ist

Ein Refill-Pilot im Supermarkt unterscheidet sich strukturell von einem reinen Unverpackt-Laden. Der Unverpackt-Laden ist ein eigenständiges Geschäftsmodell, in dem das gesamte Sortiment auf lose Ware ausgelegt ist. Der Pilot im Supermarkt ist ein modulares Konzept, das in einem bestehenden Vollsortiment ein paar Quadratmeter belegt und mit dem konventionellen Regal konkurriert.

Technisch arbeiten fast alle großen Pilots mit Drittanbietern. Rewe nutzt MIWA aus Tschechien, ein modulares Spendersystem mit standardisierten Behältern, die zentral befüllt und transportiert werden. Kaufland kooperiert mit Eco Terra aus Deutschland, das ein offeneres Schwerkraftsystem mit nachfüllbaren Säulen einsetzt. Migros hatte ein eigenes Spendermodell, ergänzt um Mitarbeit von Alnatura. Spar Österreich arbeitet ebenfalls mit einem Spender-Konzept des Anbieters Unverschwendet.

Der gemeinsame Nenner: Es geht fast ausschließlich um Trockenwaren. Müsli, Reis, Nudeln, Hülsenfrüchte, Nüsse, getrocknete Früchte, gelegentlich Süssigkeiten. Frische, gekühlte oder flüssige Produkte sind in den großen Pilots so gut wie nicht vertreten, weil die Hygiene- und Logistikanforderungen das Modell wirtschaftlich kippen würden.

Die vier großen Pilots im Überblick

Zwischen 2020 und 2026 haben vier große Vollsortimenter in DACH ernsthafte Refill-Pilots betrieben. Sie unterscheiden sich in Skala, Technologie und Strategie. Diese vier Profile sind die empirische Grundlage, auf der sich die Frage nach dem Erfolg überhaupt diskutieren lässt.

Rewe mit MIWA

Rewe startete im November 2023 in Köln-Loevenich einen Pilot mit dem tschechischen Anbieter MIWA. Schwerpunkt ist Nordrhein-Westfalen, insgesamt elf Märkte. Pro Station rund 30 Bio-Trockenprodukte, vor allem aus der Eigenmarke Rewe Bio. Der offizielle Pilot-Status lief bis August 2024, das System ist seitdem in den Regelbetrieb der elf Filialen übergegangen. Der Konzern hat sich offiziell das Ziel gesetzt, das Unverpackt- und Mehrwegangebot bis 2025 gegenüber 2021 zu verdoppeln.

Kaufland mit Eco Terra

Kaufland gehört zur Schwarz-Gruppe und ist damit Schwesterunternehmen von Lidl, das selbst kein Refill anbietet. Seit 2021 läuft eine Kooperation mit Eco Terra in acht Filialen: Hamburg, Berlin, München, Köln, Heidelberg, Leipzig, Pfungstadt und Steinheim an der Murr. Pro Station etwa 40 Bio-Trockenprodukte. Im Vergleich zu Rewe ist die geografische Streuung grösser, dafür ist die Marktdichte pro Region niedriger.

Migros mit eigenem System

Migros war über Jahre das umfangreichste Refill-Programm Europas im Vollsortiment. Start war 2020, in der Hochphase belieferten die Stationen 51 Migros-Filialen und 7 Alnatura-Märkte. Mehr als 10.000 Kundinnen und Kunden nutzten das System in der Anfangsphase, insgesamt wurden über das Programm 12 Tonnen Lebensmittel abgegeben. Im Februar 2025 zog Migros zurück und beendete das Programm vollständig.

Spar Österreich

Spar betreibt Refill-Stationen in 10 Interspar-Märkten und 5 Spar-Filialen. Trockenwaren-Schwerpunkt, Sortimentstiefe ähnlich wie bei den deutschen Pilots. Spar ist der einzige große Vollsortimenter in Österreich mit einem flächendeckenden Refill-Programm. Greenpeace Österreich bestätigt diese Sonderstellung im Marktcheck 2024.

Reihe von durchsichtigen Schwerkraftspendern mit Müsli und Reis im Supermarktregal
Trockenwaren dominieren das Refill-Angebot der großen Pilots

Warum Migros gescheitert ist, und was das bedeutet

Der Migros-Rückzug ist für die ganze Branche eine unangenehme Datenquelle. Migros hatte alles, was als Erfolgsbedingung gilt: Marktführerschaft, ein bestehendes Bio-Profil über Alnatura, hohe Reichweite quer durch städtische und ländliche Lagen, fünf Jahre Anlaufzeit. In der Hochphase waren über 10.000 Stammkunden im Programm registriert. Trotzdem blieb die Nutzung am Ende, gemessen an Sortimentsfläche und Personalaufwand, unter der wirtschaftlichen Schwelle.

Was Migros offiziell als Begründung kommunizierte, deckt sich mit den Befunden aus den deutschen Pilots: Reinigung, Nachfüllung und Qualitätssicherung sind aufwendig, der Umsatz pro Station bleibt klein, weil das Sortiment dünn ist und die Frequenz niedrig. Die Schaffhauser Nachrichten und die Luzerner Zeitung berichteten zusätzlich, dass die Nutzung in städtischen Filialen mit hoher Bio-Affinität noch funktionierte, in der Fläche dagegen kaum.

Daraus ergibt sich die zentrale Lehre für die Branche. Skala allein löst nicht das Problem. Wer die grösste Reichweite und die beste strategische Ausgangslage hat und trotzdem nach fünf Jahren aussteigt, signalisiert dem Markt, dass das Modell in seiner aktuellen Form strukturell limitiert ist. Die deutschen Pilots laufen weiter, aber sie wachsen nicht. Sie sind Stabilisatoren, nicht Skalierer.

Was alle Pilots gemeinsam haben

Die Deutsche Umwelthilfe prüfte 2024 alle großen deutschen Lebensmittelhändler im Verpackungscheck. Das Ergebnis ist über alle Häuser hinweg auffällig stabil: Der Anteil von Refill und unverpackten Angeboten liegt nirgendwo über zwei Prozent des Sortiments. Die Pilots sind also auch da, wo sie laufen, mengenmässig randständig. Ein typischer Vollsortimenter führt zwischen 10.000 und 30.000 Artikel, eine Refill-Station höchstens 50. Selbst bei intensiver Nutzung ist der Beitrag zur Gesamtbilanz gering.

Hinzu kommt eine große Diskrepanz zwischen Bekanntheit und Verhalten. Der GfK Nachhaltigkeitsindex 2024 meldet, dass 66 Prozent der Deutschen Refill-Angebote kennen, 69 Prozent sich mehr davon wünschen, aber nur 29 Prozent das Angebot tatsächlich genutzt haben. Bei den 18- bis 29-Jährigen liegt die Bekanntheit sogar bei 83 Prozent. Das gleiche Muster zeigt sich beim Mehrweg in der Gastronomie: Trotz Mehrwegangebotspflicht seit 2023 liegt der Anteil laut WWF bei 1,5 Prozent, gemessen an 14,259 Milliarden Einwegverpackungen gegenüber 219,3 Millionen Mehrwegverpackungen in einem Jahr.

Die Pilots sind also nicht an einer feindlichen Konsumentenhaltung gescheitert. Die Bekanntheit ist hoch, der Wunsch ist da. Was fehlt, ist die Schliessung der Lücke zum Alltag: Convenience, Preiswahrnehmung, mitgebrachte Behälter, planungslogische Integration in den Wocheneinkauf. Genau diese Lücke ist seit 2020 nicht kleiner geworden, eher grösser.

Mehrere leere Vorratsgläser unterschiedlicher Grösse auf einer Küchenarbeitsplatte
Eigene Behälter mitzubringen bleibt für die meisten der grösste Reibungspunkt

Aldi, Lidl und Edeka als Lehrstück durch Abwesenheit

Zur Bilanz gehört, wer nicht mitmacht. Aldi Süd, Aldi Nord und Lidl betreiben in DACH keine Refill-Stationen und planen offiziell auch keine. Beide Discounter setzen stattdessen auf Verpackungsreduktion, höheren Rezyklat-Anteil und Materialwechsel von Plastik zu Papier oder Karton. Edeka hat einzelne Filial-Initiativen kleinerer Kaufleute, aber kein konzernweites Programm.

Diese Abwesenheit ist kein Zufall. Discounter optimieren auf maximale Flächeneffizienz und minimale Personalbindung. Eine Refill-Station, die täglich gereinigt, nachgefüllt und qualitätsgesichert werden muss, kollidiert mit dieser Logik direkt. Dass Kaufland trotz Konzernverwandtschaft zu Lidl an einem Refill-Pilot festhält, zeigt, dass die strategische Entscheidung pro oder kontra Refill weniger eine Frage der Konzernpolitik ist als der jeweiligen Vertriebsschiene und Zielgruppe.

Was du heute praktisch kombinieren kannst

Für den Alltag heisst das: Wer Verpackung sparen will, sollte den Supermarkt-Pilot nicht als alleinige Lösung betrachten, sondern als einen Baustein. In Nordrhein-Westfalen lohnt sich der Blick auf die Rewe-Märkte mit MIWA-Station, besonders rund um Köln. Im Südwesten Deutschlands sind die Kaufland-Filialen mit Eco Terra ein Anker, in Hamburg, Berlin, Leipzig und München jeweils einzelne Standorte. In Österreich deckt Spar mit 15 Standorten weite Teile des Landes ab.

Daneben tragen leise, aber stabil die Bio-Vollsortimenter Alnatura und Denns. Beide betreiben seit Jahren Bulk-Bins mit Trockenwaren, ohne großes Marketing. Wer ohnehin im Bio-Markt einkauft, hat dort meist 30 bis 80 lose Produkte zur Verfügung, je nach Filialgrösse. Drogerien wie dm und Rossmann ergänzen den Refill-Gedanken im Bereich Reiniger und Pflege über Konzentrate und Nachfüllpacks, eine Logik, die anders funktioniert als der klassische Spender, aber denselben Hebel zieht.

Realistisch ist 2026 ein Mix: Trockenwaren über die Pilot-Stationen oder den Bio-Vollsortimenter, Reinigung und Pflege über Konzentrate aus der Drogerie, Frische und Kühlware über regionale Direktvermarktung oder Marktstände. Den einen Laden, der alles ohne Verpackung anbietet, gibt es außerhalb spezialisierter Pure-Play-Unverpackt-Läden nicht, und der Bestand dieser Läden ist seit 2021 von rund 470 auf 169 zurückgegangen.

Häufige Fragen zu Refill im Supermarkt

Wo finde ich 2026 noch Refill-Stationen im Supermarkt?
In Deutschland an elf Rewe-Märkten, vor allem in Nordrhein-Westfalen, und an acht Kaufland-Filialen verteilt auf Hamburg, Berlin, München, Köln, Heidelberg, Leipzig, Pfungstadt und Steinheim an der Murr. In Österreich an 10 Interspar- und 5 Spar-Standorten. In der Schweiz seit Februar 2025 nicht mehr im Vollsortiment, nachdem Migros das Programm beendet hat. Bio-Vollsortimenter wie Alnatura und Denns ergänzen das Angebot über Bulk-Bins.
Warum hat Migros aufgegeben, obwohl das Programm so groß war?
Die offizielle Begründung: zu geringe Nachfrage und zu hoher Aufwand für Reinigung, Nachfüllung und Qualitätssicherung. Migros betrieb 58 Stationen, hatte über 10.000 Nutzerinnen und Nutzer in der Anfangsphase und gab über das Programm 12 Tonnen Lebensmittel ab. Trotzdem blieb der Umsatz pro Quadratmeter unter der wirtschaftlichen Schwelle. Die Schlussfolgerung für die Branche: Skala allein löst die Grundprobleme des Modells nicht.
Warum bieten Aldi und Lidl kein Refill an?
Beide Discounter haben sich strategisch gegen Refill entschieden. Stattdessen setzen sie auf Verpackungsreduktion, höheren Recyclat-Anteil und Materialwechsel zu Karton und Papier. Refill-Stationen kollidieren mit der Discounter-Logik aus maximaler Flächeneffizienz und minimaler Personalbindung. Kaufland gehört zur selben Schwarz-Gruppe wie Lidl, betreibt aber als Vollsortimenter trotzdem Refill in acht Filialen.
Wie groß ist der Anteil von Refill am Sortiment der großen Händler?
Sehr klein. Die Deutsche Umwelthilfe prüfte 2024 alle großen deutschen Lebensmittelhändler im Verpackungscheck und kam für jedes Haus auf unter zwei Prozent Anteil unverpackter und Refill-Produkte am Gesamtsortiment. Pro Station werden 30 bis 50 Trockenwaren angeboten, ein Vollsortimenter führt zwischen 10.000 und 30.000 Artikel. Die Pilots sind also dort, wo sie laufen, mengenmässig randständig.

Quellen und Belege

Diese Quellenliste ist noch keinen einzelnen Aussagen oder Absätzen zugeordnet.

  1. Foodaktuell.ch - Migros stellt Unverpackt-Abfüllstationen ein (Februar 2025) Stand 2026-05-13
  2. Packaging Journal - Rewe testet Unverpackt-Stationen in elf Märkten Stand 2026-05-13
  3. Utopia - Produkttest Unverpackt-Stationen Rewe (2024) Stand 2026-05-13
  4. Kaufland Newsroom - Kaufland weitet Angebot an Unverpackt-Stationen mit Bio-Lebensmitteln aus (Februar 2022) Stand 2026-05-13
  5. Greenpeace Österreich - Marktcheck Unverpackt einkaufen Stand 2026-05-13
  6. Statista - Anzahl der Unverpackt-Läden in Deutschland Stand 2026-05-13
  7. GfK Nachhaltigkeitsindex 2024 Stand 2026-05-13
  8. WWF Deutschland - Mehrweg in der deutschen Gastronomie Stand 2026-05-13
  9. Deutsche Umwelthilfe - Verpackungscheck 2024 Stand 2026-05-13