Junge Frau mit fresh-look Make-up im weichen Tageslicht
Frisches Naturkosmetik-Make-up zeigt Hauttextur statt sie zu glätten

Was Foundation, Mascara und Lippenstift aus Naturkosmetik leisten

Foundation, Mascara, Lippenstift aus Naturkosmetik im ehrlichen Vergleich: Inhaltsstoffe, Studien, Marken aus DACH und worauf du wirklich achten solltest.

Mit KI erstellt, redaktionell geprüft

Wer das erste Mal von der Drogerie-Mascara zur Naturkosmetik wechselt, merkt schnell: Es ist anders. Die Foundation deckt weniger streng ab, die Mascara hält keinen Schwimmbadbesuch durch, der Lippenstift schmiegt sich pflegender an. Manches davon ist Vorteil, manches ehrlicher Kompromiss. Naturkosmetik-Make-up ist kein magisches Plus, sondern eine andere Logik: Pflanzliche Wachse statt Acrylate, Mineralpigmente statt synthetischer Lakes, Pflanzenöle statt Silikone.

Der Markt zeigt, wohin es geht. Laut IKW machte Naturkosmetik 2024 erstmals über 1,5 Milliarden Euro Umsatz in Deutschland, während der Gesamtmarkt für Schönheitspflege auf 16,9 Milliarden Euro wuchs: ein noch kleiner, aber stetig steigender Anteil. Gleichzeitig haben Studien wie die der University of Notre Dame in 47 Prozent der getesteten Mascaras PFAS-Indikatoren gefunden, ÖKO-TEST findet wiederholt MOAH-Verunreinigungen in konventionellen Lippenstiften, und das EU-Allergenrecht wird im Juli 2026 deutlich verschärft. Der Druck auf konventionelle Formulierungen wächst: die Naturkosmetik-Alternative ist erwachsen geworden.

In diesem Ratgeber bekommst du einen ehrlichen Vergleich der drei Produktkategorien, die im Make-up-Beutel zuerst getauscht werden: Foundation, Mascara und Lippenstift. Welche Inhaltsstoffe erlaubt sind und welche nicht, was du an Performance erwarten kannst, welche DACH-Marken gut sind: und wo Naturkosmetik selbst noch ihre Hausaufgaben zu machen hat.

Was Naturkosmetik bei Make-up wirklich bedeutet

Der Begriff Naturkosmetik ist in Deutschland gesetzlich nicht geschützt. Wer ehrlich Naturkosmetik kauft, achtet deshalb auf eines der unabhängigen Siegel: NATRUE, COSMOS Natural oder COSMOS Organic, BDIH, Demeter oder Ecocert. Diese Standards definieren genau, welche Inhaltsstoffe erlaubt sind und welche nicht: und sie regeln das nicht über Wohlfühl-Begriffe wie „pflanzlich inspiriert“, sondern über klare Verbotslisten.

In zertifizierter Naturkosmetik nicht erlaubt sind: Mineralöle und Paraffine (also auch die unerwünschten MOSH/MOAH-Verunreinigungen), Silikone (Dimethicone, Cyclopentasiloxane), synthetische Filmbildner (Acrylate Copolymer, PVP), PEG-Verbindungen, fluorierte Polymere wie PFAS, synthetische Farbstoffe (außer wenigen explizit zugelassenen anorganischen Pigmenten), Parabene, halogenorganische Konservierer und synthetische Duftstoffe. Das ist die kurze Liste: die ausführliche füllt mehrere Seiten.

Erlaubt sind dagegen: pflanzliche Öle und Wachse (Jojoba, Mandel, Sheabutter, Bienenwachs, Candelillawachs, Carnaubawachs, Rapswachs), mineralische Pigmente und Mineralien (Eisenoxide, Titandioxid, Zinkoxid, Glimmer/Mica), milde natürliche Tenside, ätherische Öle und nature-identische Konservierungsmittel wie Benzoesäure, Sorbinsäure oder Tocopherol. Bei COSMOS Organic muss zusätzlich ein definierter Mindestanteil aus kontrolliert biologischem Anbau stammen.

Wichtig zu verstehen: Naturkosmetik bedeutet nicht automatisch vegan. Bienenwachs, Lanolin (Wollwachs), Karmin aus Schildläusen oder Honig sind in Naturkosmetik erlaubt: wer beides will, achtet zusätzlich auf die Vegan Society oder PETA Approved Vegan. Und Naturkosmetik bedeutet nicht automatisch tierversuchsfrei, auch wenn Tierversuche für fertige Kosmetikprodukte in der EU seit 2013 verboten sind. Für einzelne Inhaltsstoffe (etwa unter REACH) kann es Ausnahmen geben: Leaping Bunny ist hier das strengste Siegel.

Foundation: Pflege statt Plastikfilm

Foundation ist die mit Abstand komplexeste der drei Kategorien. Sie muss Pigmente in einer Wasser-Öl-Emulsion fein verteilen, gleichmäßig auf der Haut deckend wirken, weder zu fettig noch zu trocken sein und idealerweise mehrere Stunden halten. Konventionelle Foundations greifen dafür auf Silikone wie Dimethicone, Cyclopentasiloxane und Phenyl Trimethicone zurück: sie erzeugen das samtig-glatte Tragegefühl und einen wasserdampfdurchlässigen Film. PEG-Verbindungen, Acrylate Copolymer und Polyvinylpyrrolidon sorgen für Haltbarkeit. Und in „long-lasting“-Varianten finden sich laut Notre-Dame-Studie häufig auch fluorierte Polymere: also PFAS, die in der Umwelt praktisch nicht mehr abgebaut werden.

Naturkosmetik-Foundation arbeitet mit pflanzlichen Trägerstoffen: Aloe-Vera-Saft als Wasserphase, Jojobaöl, Squalan oder Mandelöl als Ölphase, Candelillawachs oder Carnaubawachs als sanfte Filmbildner. Die Pigmente sind Eisenoxide (CI 77491 bis 77499) und Titandioxid (CI 77891), beide hervorragend hautverträglich und nicht über die Haut resorbierbar. Konservierung erfolgt über Benzoesäure, Sorbinsäure oder Tocopherol. Wirkstoffe wie Hyaluronsäure, Niacinamid oder pflanzliche Antioxidantien lassen sich mitformulieren: viele Naturkosmetik-Foundations sind faktisch eine getönte Pflege.

Was du bei der Performance bekommst: leichte bis mittlere Deckkraft ist Standard. Wer matte full coverage gewohnt ist, sollte realistische Erwartungen haben: die NUI Cosmetics Natural Liquid Foundation (Neuseeland-DACH) ist eine der wenigen aufbaubaren Naturkosmetik-Foundations Richtung high coverage. Annemarie Börlind, Lavera und Dr. Hauschka liefern eher leichte bis mittlere Deckkräfte mit pflegendem Finish. Sante Naturkosmetik und alverde (dm) bieten erschwingliche Einstiegsprodukte. und.gretel aus Österreich ist die Premium-Adresse: minimalistisch, hochpigmentiert, vegan.

Die häufigste Stolperfalle: Naturkosmetik-Foundation oxidiert auf der Haut anders. Eisenoxidpigmente reagieren mit Hauttalg und werden im Tagesverlauf um eine halbe bis eine Nuance dunkler. Wer das nicht kennt, kauft den Ton zu warm. Tipp: Probiere die Foundation immer am Kinn-Kieferansatz und warte 30 Minuten, bevor du dich entscheidest. Mineral-Foundations auf Pulverbasis (etwa von Lily Lolo, das auch im DACH-Raum vertrieben wird, oder benecos) zeigen diesen Effekt weniger.

Wer empfindliche Haut hat oder Neurodermitis-betroffen ist, profitiert besonders. Mineralische Foundations ohne synthetische Konservierer und ohne Duftstoff sind oft die einzige Make-up-Option, die ohne Reaktion bleibt. Die EU verschärft im Juli 2026 die Allergenkennzeichnung: bisher 24 deklarationspflichtige Duftstoffe, dazu kommen 56 weitere. Wer auf Duftstoffallergene achtet, hat es mit zertifizierter Naturkosmetik leichter, weil Parfum (synthetisch wie natürlich) immer in der INCI-Liste stehen muss.

Makroaufnahme von feinen mineralischen Pigmentpulvern in Erdtönen
Mineralpigmente: Eisenoxide in Rot, Gelb, Schwarz ergeben jeden Hautton

Mascara: Wachs statt Filmbildner

Bei der Mascara wird der Unterschied zwischen konventioneller und natürlicher Formulierung am sichtbarsten. Konventionelle Mascaras erzeugen ihre Haftung am Wimpernhaar über synthetische Filmbildner wie Acrylate Copolymer, Polyvinylpyrrolidon und Silikonharze. Wasserfeste Varianten setzen auf Cyclopentasiloxan, Dimethicone: und in einigen Fällen auf fluorierte Polymere. Die Notre-Dame-Studie aus 2021 ist hier besonders relevant: 47 Prozent der untersuchten Mascaras zeigten erhöhte Fluor-Werte als Indikator für PFAS: die nicht deklariert waren. Wie Whitehead und Kollegen zeigen, testeten sie 231 Make-up-Produkte und fanden bei den Top-Markenprodukten pro Produkt zwischen 4 und 13 spezifische PFAS-Verbindungen.

Naturkosmetik-Mascara funktioniert anders. Die strukturgebende Basis sind pflanzliche Wachse: Candelillawachs (vegan, aus dem Wachsblatt einer mexikanischen Pflanze), Carnaubawachs (vom brasilianischen Carnaubapalmenblatt) oder Bienenwachs in nicht-veganen Varianten. Pflanzliche Öle wie Rizinusöl, Jojobaöl oder Mandelöl machen das Wachs streichfähig und konditionieren die Wimpern. Die schwarze Farbe stammt von Eisenoxid (CI 77499), einem mineralischen Pigment. Konservierung erfolgt natürlich, oft über Benzoesäure und Tocopherol.

Was du bekommst: solide Volumen- und Längen-Performance. Was du nicht bekommst: stundenlangen Tränenwasserfest-Schutz wie bei einer konventionellen Waterproof-Mascara. Stiftung Warentest hat 2024 verschiedene Mascaras geprüft: die Lavera Intense Volumizing Mascara erreichte eine Gesamtnote von 3,0 (befriedigend), mit „gut“ bei Wimperntrennung und nur „befriedigend“ bei Volumen und Schwung. Das ist ehrlich: Naturkosmetik ist hier kein Wundermittel, aber ein klarer Fortschritt gegenüber den problematischen Inhaltsstoffen, die der Test in zwei konventionellen Produkten (Arsen-Spuren) fand.

Empfehlenswerte DACH-Mascaras: Lavera (NATRUE), Sante Naturkosmetik (NATRUE, vegan), Dr. Hauschka (NATRUE, mit Augentrost und Schwarzem Tee), benecos (vegane Linie, BDIH), alverde (dm-Eigenmarke, NATRUE). Wer Volumen-Performance maximieren will, greift zu Lavera Volumizing oder Dr. Hauschka Volumen. Für sensible Augen ist Dr. Hauschka oder die Sante Soft Mascara die erste Wahl. Wasserfest geht in der Naturkosmetik begrenzt: die ehrliche Empfehlung ist, im Schwimmbad oder bei sportlicher Belastung die Mascara wegzulassen, statt zu Waterproof-Produkten zu greifen, die ihre Wasserfestigkeit fast immer mit problematischen Inhaltsstoffen erkaufen.

Lippenstift: Was du verschluckst, wenn du dich schminkst

Lippenstift ist die Kategorie, in der der Wechsel zur Naturkosmetik den größten gesundheitlichen Effekt hat. Der Grund ist banal: Lippenstift wird verschluckt. Schätzungen aus mehreren Studien gehen von ein bis vier Kilogramm aus, die eine regelmäßige Nutzerin im Laufe ihres Lebens unbeabsichtigt ingestiert: beim Sprechen, Essen, Lippenlecken. Das ist gemessen am Tagesverbrauch wenig, aber kumulativ relevant. Genau deshalb sind Inhaltsstoffe hier ein anderes Thema als bei Foundation.

Konventionelle Lippenstifte basieren häufig auf Paraffinen, Petrolatum (Vaseline), Mikrokristallinem Wachs (Cera Microcristallina) und Mineralölen. ÖKO-TEST hat in mehreren Untersuchungen seit 2018 in konventionellen Produkten regelmäßig MOSH (gesättigte Mineralölkohlenwasserstoffe, die sich im Fettgewebe anreichern) und MOAH (aromatische Mineralölkohlenwasserstoffe, potenziell krebserregend) nachgewiesen. Auch das CVUA Karlsruhe bestätigt diese Befunde in regelmäßigen Stichproben. Im Test 2/2023 fanden 16 untersuchte Lippenstifte (davon 6 Naturkosmetik) ein klares Muster: Die Naturkosmetik-Produkte waren MOSH/MOAH-frei, die konventionellen mehrheitlich nicht.

Schwermetalle sind das zweite Thema. Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) sieht für EU-Lippenstifte keinen akuten Handlungsbedarf: Bleigehalte liegen deutlich unter gesundheitlichen Grenzwerten. Aber das BfR weist explizit darauf hin: Bei oraler Aufnahme ist die Exposition relevanter als bei reiner Hautanwendung. Reine Eisenoxidpigmente in Naturkosmetik sind hier auf der sicheren Seite, weil sie auf hochreine synthetische Mineralpigmente standardisiert sind.

Naturkosmetik-Lippenstifte basieren auf Pflanzenwachsen: Candelillawachs, Carnaubawachs, Rapswachs und in nicht-veganen Varianten Bienenwachs als Strukturgeber. Pflanzenöle wie Rizinusöl, Jojobaöl, Mandelöl oder Sheabutter sorgen für Geschmeidigkeit und Pflege. Die Farbe kommt aus Eisenoxiden, Titandioxid und Mica: und in den meisten konventionellen Produkten zusätzlich aus Karmin (CI 75470, gewonnen aus Cochenille-Schildläusen). Naturkosmetik erlaubt Karmin grundsätzlich, vegane Linien wie und.gretel, Sante vegan oder ZAO setzen stattdessen auf Eisenoxide und pflanzliche Pigmente.

Empfehlenswerte DACH-Marken: Lavera Beautiful Lips (mit Sheabutter und Jojobaöl), Weleda Mineral Lipstick (mit Bio-Sheabutter), Sante Naturkosmetik (komplett vegan, mit Tonerde und Eisenoxiden), Dr. Hauschka Lipstick (mit Bio-Anthyllis und Bienenwachs) und für die Premium-Klasse und.gretel aus Österreich (vegan, in Aluminiumhülsen). Bei der Haltbarkeit gilt: Naturkosmetik hält etwa 4 bis 6 Stunden auf den Lippen, dann wird nachgelegt. Nach dem Essen ist meist eh ein Refresh fällig: auch bei konventionellen Produkten.

Aluminium-Lippenstifthülse mit Refill auf hellem Stein
Refillable Hülsen aus Aluminium reduzieren Plastikabfall pro Stift um über 80 Prozent

Pigmente verstehen: Vom Mineral zur Schildlaus

Wer Naturkosmetik-Make-up versteht, versteht Pigmente. Drei Gruppen sind relevant. Erstens: Eisenoxide (CI 77491 für Rot, CI 77492 für Gelb, CI 77499 für Schwarz). Diese mineralischen Pigmente decken den gesamten Beige-Braun-Rot-Bereich ab und sind in Foundations, Lippenstiften und Mascaras die Grundlage. Sie sind hervorragend hautverträglich, lichtstabil und in der EU-Kosmetikverordnung Anhang IV ohne Höchstmengenbeschränkung zugelassen. Vegan, weil mineralisch. Über die Haut nicht resorbierbar. Beim Verschlucken (relevant für Lippenstift) gelten sie als unbedenklich, weil die Eisenmenge aus Make-up gegenüber der Nahrungsaufnahme verschwindend klein ist.

Zweitens: Titandioxid (CI 77891) und Zinkoxid (CI 77947). Titandioxid macht Foundations und Lippenstifte heller, deckt Unreinheiten ab und ist in mineralischen Foundations das Hauptpigment. Es war zwischenzeitlich als „möglicherweise krebserregend bei Inhalation“ eingestuft (IARC 2006, EU-Klassifizierung 2019). Der EuGH hat diese Einstufung 2022 jedoch aufgehoben, das BfR sieht in der typischen Anwendung keine Gesundheitsrisiken. Vorsicht ist nur bei pulvrigen Anwendungen geboten, die eingeatmet werden können: das EU-Recht verbietet entsprechend bestimmte Nano-Anwendungen. In Foundation, Lippenstift und Mascara ist Titandioxid problemlos.

Drittens: Karmin (CI 75470). Hier wird es ethisch komplex. Karmin ist ein roter Naturfarbstoff, gewonnen aus den getrockneten Schildläusen der Art Dactylopius coccus, die auf Feigenkakteen leben. Für 50 Gramm Pigment werden rund 75.000 Tiere benötigt. Karmin ist gut verträglich und naturgegeben, aber nicht vegan. NATRUE und COSMOS erlauben Karmin, das V-Label und die Vegan Society schließen es aus. Wer einen veganen Lippenstift will, achtet auf das Vegan-Society-Logo oder auf Marken, die ihr ganzes Sortiment vegan halten: und.gretel, Sante vegan, Lily Lolo etwa. Pflanzliche Alternativen wie Rote-Bete-Lake oder Hagebutten-Extrakt werden ergänzend eingesetzt, sind aber lichtempfindlicher und ersetzen Karmin nicht 1:1.

Glimmer und Kinderarbeit: Wenn natürlich nicht gleich fair ist

Mica: auf Deutsch Glimmer: ist das Mineral, das Lidschatten, Highlightern und vielen Lippenstiften ihren Schimmer gibt. In der INCI-Liste erscheint es als „Mica“ oder unter CI 77019. Das Problem: Etwa 60 bis 80 Prozent des weltweiten Kosmetik-Mica stammt aus illegalen Minen in den indischen Bundesstaaten Jharkhand und Bihar sowie aus Madagaskar. Terre des Hommes dokumentierte 2023 rund 30.000 Kinder in indischen Mica-Minen. In Madagaskar arbeiteten 2024 rund 11.000 Kinder in oft selbstgegrabenen, teils 20 Meter tiefen, ungesicherten Schächten. Die jüngsten sind vier Jahre alt.

Naturkosmetik ist hier nicht automatisch sauber. NATRUE und COSMOS regeln den Mica-Bezug bisher nicht explizit: das Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz (LkSG) verpflichtet seit 2023 große deutsche Unternehmen zur Risikoanalyse, aber kleinere Naturkosmetik-Marken fallen unter die Schwellenwerte. Das relevante Signal ist die Responsible Mica Initiative (RMI), ein Zusammenschluss von rund 90 Unternehmen, der seit 2017 an einer transparenten und fair zertifizierten Lieferkette arbeitet. Ziel ist die vollständige Beseitigung von Kinderarbeit aus dem Kosmetik-Mica bis 2030.

Was du als Käuferin tun kannst: Marken nach ihrem Mica-Bezug fragen. Lush, L'Oréal und Chanel sind RMI-Mitglieder, einige Naturkosmetik-Hersteller wie Dr. Hauschka, Lavera und Weleda ebenfalls oder sie beziehen ausschließlich synthetisches Mica (Synthetic Fluorphlogopite). Wenn keine klare Aussage kommt, ist das selbst ein Signal. Mica ist auch der Bereich, in dem Naturkosmetik ihre eigenen Hausaufgaben noch zu machen hat: natürlich heißt nicht automatisch fair, und das Wort steht auf jedem Glimmer-Lidschatten.

Was Siegel garantieren: und was nicht

Naturkosmetik-Siegel ersetzen das, was der Begriff allein nicht kann: gesetzlich verbindliche Mindeststandards. Die wichtigsten Siegel im DACH-Raum sind NATRUE (international, mit drei Stufen: Naturkosmetik, Naturkosmetik mit Bioanteil, Biokosmetik), COSMOS Natural und COSMOS Organic (international, Mindestanteil Bio bei Organic 95 Prozent der pflanzlichen Bestandteile), BDIH (deutscher Standard, in COSMOS aufgegangen, Logos teilweise noch sichtbar), Demeter (biodynamisch, anspruchsvollster Bio-Standard) und Ecocert (französisch, weit verbreitet).

Was die Siegel garantieren: keine Mineralöle, keine Silikone, keine PEG-Verbindungen, keine PFAS, keine synthetischen Farb- und Duftstoffe (außer wenigen explizit zugelassenen), keine Tierversuche im Rahmen der Standardvorgaben, definierte Verpackungsanforderungen. Bei Organic-Siegeln zusätzlich: Mindestanteil aus kontrolliert biologischem Anbau für die pflanzlichen Inhaltsstoffe.

Was Naturkosmetik-Siegel nicht abdecken: vegan (extra prüfen über Vegan Society oder PETA Approved Vegan), Mica-Lieferkettenethik (RMI-Mitgliedschaft prüfen), Klimaneutralität, vollständige Tierversuchsfreiheit aller Inhaltsstoffe (Leaping Bunny ist hier strenger als die EU-Cruelty-Free-Regel), faire Arbeitsbedingungen entlang der gesamten Lieferkette.

Eine wichtige Abgrenzung: Bezeichnungen wie „Clean Beauty“ oder „naturnah“ sind keine geschützten Begriffe und sagen oft wenig aus. Wer ehrlich Naturkosmetik kauft, achtet zuerst auf das Siegel auf der Packung: nicht auf den Marketingtext.

Performance-Realität: Was du erwarten kannst, was nicht

Foundation: Leichte bis mittlere Deckkraft ist Standard, full coverage ist die Ausnahme. Pflegender Effekt ist oft echt: viele Naturkosmetik-Foundations sind faktisch getönte Pflege. Erwarte Tagesoxidation um eine halbe Nuance, prüfe deshalb am Kinn-Kieferansatz mit 30 Minuten Wartezeit. Wer einen 18-Stunden-Halt erwartet, wird enttäuscht: Naturkosmetik hält im Schnitt 6 bis 10 Stunden, danach sieht sie tragischerweise nicht mehr nach „flawless“ aus, sondern nach Mensch.

Mascara: Volumen ja, Länge ja, intensiv schwarz ja. Wasserfest in dem Sinn, in dem konventionelle Waterproof-Mascaras das versprechen, gibt es in der Naturkosmetik kaum. Im Tränen- oder Schwitzfall etwas Bröckelpotenzial. Make-up-Entferner ist aber sanfter: Mizellenwasser, ein Tropfen Mandelöl oder warmes Wasser reichen meistens. Die Wimpern bleiben nach längerer Nutzung sichtbar gepflegter, weil Pflanzenöle konditionieren statt austrocknen.

Lippenstift: Hier ist Naturkosmetik fast überlegen. Die Pflege auf den Lippen ist spürbar besser, kein Austrocknen wie bei mineralölbasierten Produkten. Haltbarkeit auf den Lippen liegt bei 4 bis 6 Stunden, danach Nachlegen: bei Naturkosmetik wie bei Konventionell. Matte Finishes sind etwas schwerer zu erreichen als bei Liquid Lipsticks mit synthetischen Polymeren. Das gesundheitliche Plus (kein Mineralöl, keine MOAH) ist hier so klar wie sonst nirgends im Make-up-Beutel.

Inhaltsstoffe lesen: Dein Kauf-Kompass

Wer die INCI-Liste nicht kennt, ist im Kosmetikregal blind. Die INCI (International Nomenclature of Cosmetic Ingredients) listet alle Inhaltsstoffe in absteigender Konzentration: was vorne steht, ist viel drin. Naturkosmetik verwendet die gleichen INCI-Konventionen wie konventionelle Kosmetik, nur mit anderen Stoffen. Das macht das Lesen mit etwas Übung machbar.

Rote Flaggen, die du in zertifizierter Naturkosmetik nie findest, in „naturnaher“ Kosmetik aber durchaus: Paraffinum Liquidum, Mineral Oil, Petrolatum, Cera Microcristallina (Mineralöle), Dimethicone, Cyclopentasiloxane, Phenyl Trimethicone (Silikone), Acrylate Copolymer, PVP (Filmbildner), PEG-Verbindungen aller Art, Methylparaben, Propylparaben, Butylparaben, Phenoxyethanol (Konservierer: Phenoxyethanol ist in „naturnaher“ Kosmetik manchmal noch zu finden), CI-Nummern unter 60.000 (synthetische Farbstoffe: Naturkosmetik nutzt fast nur CI-Nummern über 75.000).

Was dir gute Naturkosmetik-Make-up-Inhaltsstoffe verraten: Pflanzenöle (Argania Spinosa Kernel Oil, Simmondsia Chinensis Seed Oil, Prunus Amygdalus Dulcis Oil), pflanzliche Wachse (Euphorbia Cerifera Cera, Copernicia Cerifera Cera, Brassica Campestris Cera), Mineralpigmente (CI 77491 bis 77499, CI 77891), Konservierung über Tocopherol oder Sorbinsäure. Zertifizierungssiegel auf der Packung sparen das Auswendiglernen: wer NATRUE oder COSMOS kauft, kann den Großteil der Liste ohne Detailprüfung passieren lassen.

DACH-Marken im Überblick

Drogerie und erschwinglich: Sante Naturkosmetik (Niedersachsen, NATRUE-zertifiziert, breites Make-up-Sortiment, viele vegane Produkte), Lavera (Niedersachsen, NATRUE, Pioniermarke seit 1987, hochwertige Mascaras und Lippenstifte), alverde (dm-Hausmarke, NATRUE, Einstiegspreise), benecos (BDIH, vegane Schwerpunktmarke). Diese vier decken den Mainstream-Bedarf ab und sind in jedem dm und Rossmann verfügbar.

Mittlere bis Premium-Klasse: Dr. Hauschka (Baden-Württemberg, NATRUE-zertifiziert, anthroposophische Marke seit 1967, ausgezeichnetes Make-up-Sortiment mit hoher Hautverträglichkeit), Annemarie Börlind (Baden-Württemberg, NATRUE, hochwertige Foundations und Concealer), Weleda (anthroposophische Schweiz/Deutschland, NATRUE, Skincare-Schwerpunkt mit kleinerer Make-up-Linie inklusive Mineral Lipsticks), NUI Cosmetics (Berlin, vegan, COSMOS-zertifiziert, modernes Branding und solide Performance-orientierte Foundations).

High End und vegan-spezialisiert: und.gretel (Österreich, NATRUE, vegan, minimalistisches Premium-Sortiment in nachfüllbaren Aluminiumhülsen, Berlin Fashion-Week-relevant). Wer ehrlich Make-up auf konventionellem Premium-Niveau will, ohne Inhaltsstoff-Kompromisse, ist hier richtig. Preislich liegen die Produkte oberhalb der Drogerie, im Bereich Chanel-Lippenstift, mit deutlich höherer Bio- und Pflegekomponente.

Die ersten Wochen: Was sich anders anfühlt

Woche eins: Foundation deckt anders, oft leichter, das Hauttextur-Gefühl ist greifbarer (was viele anfangs als „weniger gut“ interpretieren, weil sie an die Plastikfilm-Optik gewöhnt sind). Mascara fühlt sich leichter an, manche bröckeln am ersten Tag mehr: gib der Anwendung 2 bis 3 Versuche, oft ist die Auftragstechnik das Thema. Lippenstift wird nach 4 bis 6 Stunden weicher, schmilzt schneller weg. Akzeptiere das als Feature, nicht als Bug.

Woche zwei bis vier: Die Haut gewöhnt sich. Wer von silikonreichen Foundations kommt, erlebt häufig eine kurze Phase mit leichten Unreinheiten: die Haut entlastet sich. Das ist temporär. Mit pflegenden Wirkstoffen in der Naturkosmetik-Foundation regulieren sich Trockenheits- und Spannungsgefühl ein. Die Wimpern werden über die Wochen sichtbar gepflegter, weil Rizinusöl und Jojobaöl konditionieren.

Was sich nicht von selbst löst: Erwartungsmanagement. Naturkosmetik ist nicht die bessere konventionelle Kosmetik, sondern ein anderer Ansatz. Wer am Wochenende für eine Hochzeit perfekte 12-Stunden-Deckkraft braucht, wird in der Naturkosmetik nicht 1:1 finden, was eine Estée-Lauder-Double-Wear-Foundation kann. Aber für so gut wie jede Alltagssituation reichen und.gretel, Annemarie Börlind oder Lavera mehr als aus: und du verschluckst keinen Lippenstift mit Mineralölverunreinigungen.

Häufige Fragen

Ist Naturkosmetik-Make-up automatisch vegan?
Nein. Bienenwachs, Lanolin (Wollwachs), Honig und Karmin (CI 75470, gewonnen aus Schildläusen) sind in zertifizierter Naturkosmetik erlaubt. Wer beides will: natürlich und vegan: achtet zusätzlich auf das Vegan-Society-Logo, das V-Label oder PETA Approved Vegan. Marken wie und.gretel, Sante in der veganen Linie oder benecos vegan halten ihr Sortiment komplett tierfrei.
Hält Naturkosmetik-Mascara wirklich nicht so lange wie konventionelle?
Wasserfest in dem Sinn, in dem konventionelle Waterproof-Mascaras das versprechen, gibt es in der Naturkosmetik kaum: die fluorierten Polymere und Acrylate, die diese extreme Wasserfestigkeit erzeugen, sind in NATRUE und COSMOS verboten. Im normalen Alltag (kein Schwimmbad, kein intensives Schwitzen) hält Naturkosmetik-Mascara aber problemlos 8 bis 12 Stunden. Stiftung Warentest bewertet die Lavera Intense Volumizing Mascara mit Note 3,0: solide, kein Premium-Volumen-Champion, aber alltagstauglich.
Was bedeuten die CI-Nummern auf der INCI-Liste?
CI steht für Color Index, eine internationale Datenbank für Kosmetikfarbstoffe. CI-Nummern unter 60.000 sind meist synthetische Farbstoffe (in zertifizierter Naturkosmetik kaum vertreten). CI-Nummern über 75.000 sind anorganische Mineralpigmente (CI 77491 = Eisenoxid Rot, CI 77492 = Eisenoxid Gelb, CI 77499 = Eisenoxid Schwarz, CI 77891 = Titandioxid, CI 77019 = Mica). CI 75470 ist Karmin: der einzige tierische Farbstoff in der Liste. Wer vegan kauft, achtet darauf.
Sind Naturkosmetik-Produkte teurer?
Im Drogeriesegment kaum. Sante, Lavera und alverde liegen preislich auf Niveau mit Maybelline, Catrice oder L'Oréal Paris. Im Premium-Bereich liegen Naturkosmetik-Marken wie und.gretel oder Susanne Kaufmann etwas oberhalb der konventionellen Premium-Vergleichsprodukte (Lancôme, Chanel): der Unterschied erklärt sich über Bio-Rohstoffe, kleinere Chargen und nachhaltigere Verpackungen.
Wie erkenne ich Greenwashing?
Begriffe wie „pflanzlich inspiriert“, „mit natürlichen Inhaltsstoffen“, „Clean Beauty“ oder „naturnah“ sind nicht geschützt und sagen nichts aus. Verlasse dich auf zertifizierte Siegel: NATRUE, COSMOS Natural, COSMOS Organic, BDIH, Demeter, Ecocert sind unabhängig vergeben. Hauseigene Siegel oder Marketing-Labels von Konzernen ersetzen sie nicht. Im Zweifel: INCI-Liste prüfen: Phenoxyethanol, Dimethicone oder Paraffinum Liquidum schließen zertifizierte Naturkosmetik aus.
Kann ich konventionelle und Naturkosmetik mischen?
Ja, technisch geht das problemlos: Foundation aus Naturkosmetik unter konventionellem Lippenstift, oder umgekehrt. Wer aus gesundheitlichen oder ökologischen Gründen wechselt, fängt sinnvollerweise mit Lippenstift an, weil dort der Mineralöl-Effekt am direktesten wirkt. Mascara und Foundation folgen dann nach Bedarf.
Sind Mineralöle gesundheitsschädlich oder nur ökologisch problematisch?
Gemischt. MOSH (gesättigte Mineralölkohlenwasserstoffe) reichern sich im menschlichen Fettgewebe an: wie hoch das Risiko ist, ist wissenschaftlich umstritten. MOAH (aromatische Mineralölkohlenwasserstoffe) gelten laut EFSA und BfR als potenziell genotoxisch und karzinogen. Bei Lippenstiften ist das relevanter als bei Foundation, weil sie verschluckt werden. Naturkosmetik vermeidet die ganze Gruppe konsequent: weniger eine Risiko-Sicherheits-Frage als eine Vorsorge-Entscheidung.

Fazit

Naturkosmetik-Make-up ist erwachsen geworden. Foundation, Mascara und Lippenstift aus zertifizierter Naturkosmetik können das, was sie versprechen: ehrlich, ohne Mineralöl, ohne PFAS, ohne synthetische Filmbildner. Sie sind nicht die Premium-konventionelle Kosmetik in grün, sondern eine andere Logik: Pflege statt Plastikfilm, Mineralpigmente statt Lakes, Pflanzenöle statt Silikone. Wer das versteht, hat die richtigen Erwartungen: und wird selten enttäuscht.

Den größten gesundheitlichen Effekt hat der Wechsel beim Lippenstift, weil dort die Mineralöl-Verunreinigungen direkt verschluckt werden. Bei Foundation und Mascara ist der Unterschied subtiler, aber zertifizierte Naturkosmetik bedeutet immer: Keine Silikone, keine PFAS, keine Mineralöle, keine synthetischen Duftstoffe. Wo Naturkosmetik selbst noch arbeiten muss, ist die Mica-Lieferkette: hier hilft die Responsible Mica Initiative als Orientierung. Im DACH-Raum gibt es heute eine breite, hochwertige Auswahl von Drogerie bis Premium. Der Einstieg ist nicht teurer als konventionelle Markenkosmetik, aber ehrlicher.

Quellen und Referenzen

  1. Seit der EU-Verordnung 2023/1545 kommen zu den 24 bisher einzeln kennzeichnungspflichtigen Duftstoff-Allergenen 56 weitere hinzu; sie müssen auf der Verpackung von Kosmetikprodukten angegeben werden, sobald sie 0,001 Prozent in Leave-on- und 0,01 Prozent in Rinse-off-Produkten wie Duschgel überschreiten. Neu in Verkehr gebrachte Produkte müssen bis zum 31. Juli 2026 umgestellt sein, bereits im Handel befindliche Ware darf bis zum 31. Juli 2028 abverkauft werden.

Weitere Quellen

  1. Whitehead, H. D. et al.: Fluorinated Compounds in North American Cosmetics, Environmental Science & Technology Letters 2021, 8(7), 538 bis 544 Stand 2026-05-04
  2. ÖKO-TEST Magazin 2/2023: Lippenstifte im Test Stand 2026-05-04
  3. Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR): Stellungnahme zu Schwermetallgehalten in kosmetischen Mitteln Stand 2026-05-04
  4. Terre des Hommes Bericht 2023 / Initiative Lieferkettengesetz Stand 2026-05-04
  5. IKW (Industrieverband Körperpflege- und Waschmittel): Wirtschaftspressekonferenz 2024 Stand 2026-05-04
  6. EFSA Scientific Opinion on Cochineal, Carminic Acid, Carmines (E120), 2015 Stand 2026-05-04
  7. BfR FAQ Titandioxid (Oktober 2024) und EuGH-Urteil 2022 Stand 2026-05-04