Der erste laue Abend im Mai, der Grill kommt aus dem Keller, der Kohlesack aus dem Baumarkt. So weit, so vertraut. Was kaum jemand auf dem Schirm hat: In vielen Säcken steckt Holz aus tropischen oder subtropischen Wäldern. Dokumentiert, getestet, nachgewiesen.
Angefangen hat dieser Artikel im Baumarkt. Auf den meisten Säcken im Regal steht weder Holzart noch Herkunft, nur Begriffe wie Premium oder Naturkohle. Beim Nachlesen sind wir auf zwei WWF-Marktanalysen gestoßen, die das systematisch untersucht haben. Was sie zeigen, ist unangenehm konkret.
Eine EU-Marktanalyse von WWF und Thünen-Institut nahm 2020 europaweit 150 Grillkohleprodukte unter die Lupe und ließ die Holzarten im Labor bestimmen. In einer analysierten Stichprobe von 23 Produkten enthielten sechs tropisches oder subtropisches Holz, und bei 13 fehlte auf der Verpackung jede Angabe zu Holzart oder Herkunft. Schon eine frühere WWF-Analyse zeigte, dass Grillkohle in Deutschland zu über 70 Prozent importiert wird, oft aus Ländern mit hohem Risiko für illegalen Holzeinschlag. Mit dem, was auf der Packung steht, hat das häufig wenig zu tun.
In diesem Ratgeber schauen wir uns an, wie du die richtige Grillkohle findest, warum die Debatte Gas-versus-Kohle am eigentlichen Problem vorbeigeht, und welche Stellschrauben beim Grillen wirklich etwas bewirken. Spoiler: Es ist nicht der Grill.
Das Problem mit der Grillkohle
Grillkohle wird in Deutschland zwar verkauft, aber kaum noch hier produziert. Der Großteil kommt aus Polen, Paraguay, Nigeria oder der Ukraine. Dort wird das Holz oft aus Naturwäldern geschlagen, manchmal aus geschützten Tropen- oder Trockenwäldern. Auf den Säcken steht in der Regel nichts davon. Häufig fehlt die Holzartenangabe ganz, oder die deklarierte Art stimmt nicht mit der tatsächlichen überein.
Die WWF-Analyse hat das wiederholt nachgewiesen. In den Säcken landeten Holzarten aus Paraguay, dem Tschad, Nigeria oder Argentinien, oft aus Beständen, die laut Forstgesetz nicht hätten gerodet werden dürfen. Der wirtschaftliche Druck im Erzeugerland und die geringe Kontrolle entlang der Lieferkette machen die Branche zu einem Risikomarkt. Wer den günstigsten Sack im Regal nimmt, kauft mit hoher Wahrscheinlichkeit Holz mit unklarer oder problematischer Herkunft.
Die Folgen reichen weit über den Grillabend hinaus. Subtropische Trockenwälder wie der Gran Chaco oder der Cerrado werden für Holzkohleproduktion und Weideland abgeholzt. Dabei verschwinden nicht nur Lebensräume, sondern auch riesige Kohlenstoffspeicher. Tropenholz im Grill ist damit doppelt klimaschädlich: Beim Verbrennen wird das gespeicherte CO2 freigesetzt, und im Ursprungsgebiet fehlt der Wald, der neues binden könnte.
Welche Kennzeichnung wirklich hilft
Faustregel für den Baumarkt: keinen Sack ohne Forstzertifikat. Egal was sonst auf der Verpackung steht, ob Naturkohle, Premium oder Bio im Namen. Fehlt FSC, PEFC oder Naturland auf dem Sack, fehlt der Beweis. FSC ist dabei die strengste der weit verbreiteten Kennzeichnungen. Das Siegel zertifiziert die gesamte Kette vom Wald bis zum Sack und verlangt unter anderem soziale Mindeststandards, Schutz von Naturwäldern und Verzicht auf gentechnisch veränderte Sorten. Laut NABU schneidet FSC im Vergleich zu anderen Forstzertifikaten am besten ab.
PEFC ist die zweite große Kennzeichnung. Sie ist weiter verbreitet, weil sie hierzulande leichter zu erlangen ist, gilt aber als weniger streng. In Deutschland, Österreich und der Schweiz kann sie trotzdem ein guter Indikator sein, weil PEFC-zertifizierte Wälder hier meist nach Forstgesetz bewirtschaftet werden. International ist das Bild gemischter. Naturland geht im eigenen Forst-Standard noch weiter als FSC. Die Anforderungen umfassen ökologische Waldbewirtschaftung, faire Arbeitsbedingungen und einen vollständigen Verzicht auf Pestizide. Die erste biozertifizierte Grillkohle brachte 2018 das Augsburger Start-up Nero auf den Markt, das Holz stammt aus Naturland-zertifizierten Wäldern, zum Beispiel dem Stadtwald Saarbrücken.
Ein zweiter, oft unterschätzter Hebel: regionales Buchenholz. Buche brennt heiß, lange und mit wenig Funkenflug, und sie wächst in jedem mitteleuropäischen Wald. proFagus aus dem niedersächsischen Bodenfelde verarbeitet ausschließlich einheimische, unbehandelte Buchen-Resthölzer aus PEFC-zertifizierten Wäldern, Import- und Tropenholz kommt nicht in den Sack. Biozertifiziert ist diese Kohle nicht, dafür ist die Kette vom Rohstoff bis zum fertigen Sack seit 2012 PEFC-zertifiziert und wird von unabhängigen Gutachtern kontrolliert. Wer Kohle aus heimischem Buchenholz kauft, vermeidet sowohl Tropenholz als auch lange Transportwege. Im Baumarkt selten zu finden, in Bioläden, gut sortierten Supermärkten und online aber inzwischen gut verfügbar.
Kohle, Gas oder Elektro: Was der CO2-Vergleich wirklich sagt
Die Standardfrage in jeder Grilldebatte lautet: Kohle oder Gas? Eine Ökobilanz des TÜV Rheinland hat diese Frage durchgerechnet, das Umweltbundesamt verweist auf die Ergebnisse. Nur ein kleiner Teil der Klimawirkung eines Grillabends entfällt demnach auf den Grilltyp selbst, ein Elektrogrill etwas weniger als ein Gas- oder Holzkohlegrill. Der mit Abstand größte Teil, rund 95 Prozent, kommt vom Grillgut selbst.
Das verschiebt die Perspektive. Wer einen Elektrogrill mit Ökostrom betreibt, hat klimatisch leicht die Nase vorn. Wer einen Gasgrill nutzt, liegt ähnlich. Wer Holzkohle nimmt, kommt unterm Strich auf vergleichbare Werte, sofern die Kohle aus regionaler Buche stammt und nicht aus Tropenholz. Der Streit, der so oft am Gartentisch geführt wird, entscheidet im Gesamtbild also etwa fünf Prozent. Wirklich spürbar wird der Unterschied erst, wenn man auch das, was auf dem Rost liegt, anschaut.
Das heißt nicht, dass der Grilltyp egal ist. Holzkohle hat zusätzliche lokale Effekte durch Feinstaub und Ruß, vor allem in dichter Bebauung. Elektrogrills sind im Betrieb am saubersten und für Balkone oft die einzige rechtlich zulässige Variante. Wer einen neuen Grill kauft, kann den Klimaaspekt mitdenken. Wer einen funktionierenden Holzkohlegrill hat, sollte ihn weiter nutzen, aber bei der Kohle umsteigen.
Der Rost entscheidet, nicht der Grill
Wenn 95 Prozent der Klimawirkung am Grillgut hängen, ist der Schluss klar. Wer wirklich etwas verändern will, fängt nicht beim Grill an, sondern beim Einkauf. Rindfleisch ist im direkten Vergleich der größte Hebel: Pro Kilogramm verursacht es laut UBA und mehreren Ökobilanzen das Fünf- bis Zehnfache an CO2-Äquivalenten von Geflügel oder Schweinefleisch und das Zwanzigfache von Gemüse. Ein einziges Steak weniger pro Grillabend spart oft mehr ein als jeder Wechsel des Grilltyps.
Das Umweltbundesamt empfiehlt deshalb ausdrücklich, fleischarm und stärker vegetarisch zu grillen. Klingt nach Verzicht, ist aber kulinarisch eher das Gegenteil. Gegrillter Halloumi mit Kräutern, Maiskolben mit Limettenbutter, Spargel im Schinkenmantel, marinierte Champignons oder dicke Scheiben Süßkartoffel haben am Rost ihre eigene Bühne. Wer beim ersten Versuch eine Mischung aus Gemüsespießen und einem Stück Geflügel macht, merkt schnell, dass das Verhältnis zwischen Fleisch und Beilagen nicht in Stein gemeißelt ist.
Wenn Fleisch auf den Tisch kommt, lohnt sich der Blick zum Bauern um die Ecke. Bio-Fleisch aus der Region bedeutet bessere Tierhaltung, weniger Antibiotikaeinsatz und kürzere Transportwege. An der reinen Klimabilanz ändert die Herkunft allein nicht viel, an Qualität und Gewissen aber spürbar. Beim Fisch helfen Siegel wie ASC oder MSC, beim Gemüse das saisonale Angebot vom Wochenmarkt. Wer mit Freunden grillt, kann das Mengenproblem ganz pragmatisch lösen. Lieber gemeinsam ein gutes Stück teilen als pro Person 400 Gramm aus dem Kühlregal.
Kleine Schritte mit großer Wirkung
Nachhaltiger zu grillen heißt nicht, alles auf einmal umzubauen. Wer ein paar einfache Routinen übernimmt, kommt klimatisch und gesundheitlich deutlich besser raus. Die folgenden Punkte lassen sich beim nächsten Grillabend direkt umsetzen.
- Anzündkamin statt Brennpaste: Er erhitzt die Kohle in 15 bis 20 Minuten zuverlässig durch und spart spürbar Holz. Flüssige Brennpaste auf Erdölbasis ist überflüssig und belastet die Atemwege.
- Anzünder aus Holzwolle und Wachs nutzen, idealerweise FSC-zertifiziert. Es gibt sie in jedem Bioladen und vielen Drogerien.
- Mehrweggeschirr aus dem eigenen Schrank statt Pappteller und Plastikbesteck. Wer regelmäßig grillt, lohnt sich auch ein kleines Set Edelstahlspieße statt Bambusstäbchen.
- Reste verwerten: Reste von Salat, Brot, Gegrilltem ergeben am Folgetag eine gute Pfanne oder Bowl, übrig gebliebene Marinaden lassen sich am nächsten Tag als Dressing nutzen.
Wer einen Schritt weitergehen will, denkt das Grillen kompletter. Ein Holzkohlegrill mit gut gewählter Kohle, regionalem Gemüse und einem überschaubaren Stück Fleisch vom Bauern um die Ecke ist klimatisch oft besser als ein Gasgrill mit 600 Gramm Rind aus dem Discounter. Die Stellschraube ist selten der Apparat. Sie ist das, was wir gemeinsam draufschmeißen.
Häufige Fragen zum nachhaltigen Grillen
Woran erkenne ich Grillkohle ohne Tropenholz?
Ist Gasgrillen wirklich klimafreundlicher als mit Kohle?
Was bringt vegetarisches Grillen wirklich?
Welche Anzünder sind ohne Chemie?
Kann ich Grillasche im Garten ausbringen?
Fazit: Klein anfangen, bei der Kohle und am Rost
Nachhaltiger zu grillen ist keine Frage der Ausrüstung, sondern der Entscheidungen davor. Eine Kohle mit klarer Herkunft, ein Anzündkamin statt Brennpaste, ein Drittel Fleisch weniger und ein paar Gemüsespieße mehr: Damit ist der allergrößte Teil der Wirkung schon erreicht. Wer FSC, Naturland oder PEFC liest, weiß zumindest, dass keine geschützten Tropenwälder im Sack stecken.
Der nächste Grillabend ist die einfachste Gelegenheit, eine dieser Schrauben zu drehen. Nicht alle auf einmal. Eine reicht.
Quellen und Referenzen
- WWF EU-Marktanalyse Grillkohle 2020 (mit Thünen-Institut) Stand 2026-05-18
- WWF Deutschland Marktanalyse Holzkohle 2018 Stand 2026-05-18
- Umweltbundesamt - Umwelttipps für den Alltag: Grillen Stand 2026-05-18
- Oekolandbau.de (BLE) - Nachhaltige Grillkohle Original (externe Seite) Stand 2026-08-07
- PEFC Deutschland - Nachhaltige Grill-Holzkohle, wie geht das Original (externe Seite) Stand 2026-08-07
- NABU - Waldbewirtschaftung und Holzzertifikate Stand 2026-05-18