Wer im Fair Fashion Shop einmal genauer hinsieht, trifft fast immer auf drei Namen: EcoVero, Tencel und Modal. Mal stehen sie einzeln auf dem Etikett, mal in Kombination mit Bio-Baumwolle. Was selten dabeisteht: Alle drei stammen aus dem gleichen Konzern.
Angefangen hat dieser Beitrag mit einem Bluseneinkauf in der Frankfurter Innenstadt. Drei Modelle in der Hand, drei Fasergeschichten auf dem Etikett, und der Verkäufer konnte den Unterschied auch nicht erklären. Also haben wir nachgelesen, was die oesterreichische Lenzing AG eigentlich produziert und wie sich die drei Marken voneinander abgrenzen.
Auf den nächsten Seiten sortieren wir die Familie. Wer den Lyocell-Prozess im Detail nachvollziehen will, findet das in unserer ausführlichen Analyse zu Tencel und Lyocell.
Wer ist Lenzing und warum drei Marken?
Lenzing AG sitzt in Lenzing, Oberösterreich, und ist der weltweit größte Hersteller von zellulosebasierten Fasern aus Holz. Laut Lenzing-Geschäftsbericht 2024 zur Fiber Division produziert das Unternehmen jährlich rund 960.000 Tonnen Fasern, bei einer nominalen Kapazität von 1,11 Millionen Tonnen. 92,6 Prozent davon sind Spezialfasern, also keine Massenviskose, sondern Markenfasern wie EcoVero, Tencel und Modal.
Diese drei Marken decken unterschiedliche Anwendungen ab: EcoVero ist die nachhaltigere Viskose-Variante. Tencel ist Lyocell und steht für den geschlossenen Produktionskreislauf. Modal nutzt Buchenholz und liefert besonders weiche, formstabile Fasern. Jede Marke hat ihren eigenen Prozess, ihr eigenes Lösungsmittel und ihre eigene Zielgruppe.
Im Textile Exchange Materials Market Report 2025 zu MMCF werden alle drei Fasern unter dem Sammelbegriff Man-Made Cellulosic Fibers geführt. Dieser Marktbereich liegt 2024 bei 8,4 Millionen Tonnen weltweit und macht damit 6 Prozent der globalen Faserproduktion aus. 65 bis 70 Prozent davon verwenden zertifizierten oder kontrollierten Zellstoff: ein Anteil, der vor zehn Jahren noch deutlich niedriger lag.
Modal: weich, formstabil und aus Buche
Modal ist die aelteste der drei Lenzing-Markenfasern. Der Rohstoff: Holz aus österreichischen und mitteleuropaeischen Buchenwäldern. Buchen vermehren sich von selbst, brauchen keine künstliche Bewässerung, keine Düngung und keine zusätzliche Anpflanzung. Mehr als die Hälfte des Lenzing-Holzes stammt aus Österreich, der Rest aus den Nachbarländern.
Das Besondere am Lenzing-Modal ist die Edelweiss-Technologie. Lenzing zur Modal-Edelweiss-Technologie dokumentiert, dass der Zellstoff und die Faser im gleichen Werk produziert werden, in einem symbiotischen Verfahren. Das spart Transportwege und ermöglicht Materialrückgewinnung bis zu 95 Prozent. Die Chemie basiert ausschliesslich auf Sauerstoff, nicht auf Schwefelverbindungen. CO2-neutral zertifiziert ist nur dieses Verfahren.
Im Endprodukt fühlt sich Modal besonders weich an, behält seine Form über viele Waschgänge und ist farbintensiv. Deshalb landet Modal vor allem in Unterwäsche, Bettwäsche, T-Shirts und leichten Strickwaren. Die Faser ist etwas saugfähiger als Baumwolle und trocknet schneller.
Wichtig: Modal ohne Lenzing-Branding ist nicht das Gleiche. Andere Hersteller produzieren Modal mit konventioneller Schwefelkohlenstoff-Chemie. Wer den Edelweiss-Standard will, muss am Etikett ausdruecklich Lenzing Modal oder TENCEL Modal sehen.

Tencel: Lyocell aus Eukalyptus im geschlossenen Kreislauf
Tencel ist Lenzings Markenname für Lyocell. Rohstoff ist hauptsächlich Eukalyptusholz aus zertifizierter Forstwirtschaft. Eukalyptus wächst schnell, braucht kein Ackerland und kein zusätzliches Wasser. Das Holz wird zu Zellstoff verarbeitet und anschliessend in NMMO gelöst, einem organischen, biologisch abbaubaren Lösungsmittel.
Der große Unterschied zu Viskose: Lenzing zu TENCEL Lyocell weist nach, dass mehr als 99,8 Prozent des Lösungsmittels im geschlossenen Kreislauf zurückgewonnen werden. Keine giftigen Emissionen, kein Schwefelkohlenstoff, fast keine Abwasserbelastung. Die Faser ist mit dem EU Ecolabel zertifiziert (Lizenznummer AT/016/001) und verursacht mindestens 50 Prozent weniger CO2 und Wasserverbrauch als generisches Lyocell.
Tencel fühlt sich seidig an, leitet Feuchtigkeit besonders gut ab und ist atmungsaktiv. Es findet sich in Sommerblusen, Sportbekleidung, Bettwäsche und zunehmend auch in Denim. Wer in den Lyocell-Prozess tiefer einsteigen will, findet das in unserer ausführlichen Analyse zu Tencel und Lyocell.
EcoVero: zertifizierte Viskose statt anonyme Massenware
EcoVero ist die jüngste der drei Marken und wurde 2017 eingeführt. Technisch ist EcoVero Viskose, also dasselbe Grundverfahren wie das, mit dem auch konventionelle Viskose hergestellt wird. Der Unterschied liegt nicht in der Chemie, sondern in der Herkunft des Holzes und in den Kontrollen entlang der Lieferkette.
Auf der Lenzing-Produktseite zu EcoVero ist dokumentiert: Der Zellstoff kommt zu 100 Prozent aus FSC- oder PEFC-zertifizierten oder kontrollierten Hölzern. Die Faser trägt das EU Ecolabel (Lizenz AT/016/001) und verbraucht mindestens 50 Prozent weniger Wasser und CO2 als generische Viskose. Damit war EcoVero die erste Viskose-Marke, die das EU Ecolabel ueberhaupt erhalten hat.
EcoVero fühlt sich wie klassische Viskose an: kühl, fließend, mit schönem Fall. Die Faser landet vor allem in Sommerkleidern, Blusen, Röcken und leichten Hosen. Wer Viskose möchte, aber nicht auf eine anonyme Massenfaser mit unklarer Holzherkunft setzen will, findet bei EcoVero einen Mittelweg: gleiche Haptik, transparente Lieferkette.
Die drei im direkten Vergleich
Im Folgenden fassen wir zusammen, worin sich EcoVero, Tencel und Modal in Rohstoff, Prozess und Anwendung unterscheiden. Alle drei nutzen ausschliesslich zertifiziertes oder kontrolliertes Holz, alle drei tragen relevante Labels, aber die Tiefe der Kreislaufführung variiert.
EcoVero verwendet das klassische Viskoseverfahren, allerdings in einer optimierten Variante mit zertifizierter Lieferkette. Modal nutzt das Edelweiss-Verfahren mit Sauerstoffchemie und einer Materialrückgewinnung bis zu 95 Prozent. Tencel arbeitet mit NMMO im geschlossenen Kreislauf und erreicht mit über 99,8 Prozent die höchste Rückgewinnungsquote.
Beim Preis liegt EcoVero im mittleren Segment, Modal etwas darüber, Tencel als Premiumfaser am höchsten. In der Pflege sind alle drei ähnlich: 30 bis 40 Grad Maschinenwäsche, Lufttrocknung und schonendes Bügeln verlängern die Lebensdauer deutlich.
Bei den Anwendungen ueberlappen sich die Fasern: EcoVero und Tencel teilen sich den Blusenmarkt, Modal sitzt fester in Unterwäsche und Bettwäsche. Wer im Sommer kühle, fließende Stoffe sucht, greift eher zu Tencel oder EcoVero. Wer einen weichen, formstabilen Klassiker will, ist mit Modal besser bedient.
Wie nachhaltig sind die Lenzing-Fasern wirklich?
Lenzing ist eine der wenigen Adressen, die das Versprechen Nachhaltigkeit auch mit Drittprüferzahlen belegt. Im Canopy Hot Button Report 2024 zur Spitzengruppe teilt sich Lenzing mit Aditya Birla und Tangshan Sanyou die Spitze: jeweils 33 Buttons, Dark Green Shirt. Insgesamt erreichen 70 Prozent der 30 erfassten MMCF-Produzenten eine grüne oder dunkelgrüne Bewertung, was rund 54 Prozent der globalen Faserkapazität abdeckt.
Beim Klimaschutz dokumentiert der Lenzing Sustainability Report 2024 zu Holzquellen, dass 100 Prozent des verwendeten Holzes FSC- oder PEFC-zertifiziert oder kontrolliert sind und der Konzern seine spezifischen Treibhausgasemissionen seit 2017 um 42 Prozent gesenkt hat. Diese Reduktion ist von der Science Based Targets Initiative auf einem 1,5-Grad-Pfad validiert. Innerhalb der Familie ist Modal mit der Edelweiss-Technologie CO2-neutral zertifiziert, Tencel und EcoVero tragen das EU Ecolabel.
Eine Langzeitstudie zur Bilanz im Fertigprodukt haben wir nicht gefunden. Sobald die Faser in einem Kleidungsstück mit Polyester-Anteil, Elastan-Streifen und chemisch behandelten Farben verarbeitet wird, gehen Vorteile teilweise verloren. Die biologische Abbaubarkeit gilt nur für reine Stoffe ohne synthetische Beimischung.

Grenzen der Lenzing-Familie
Drei Punkte, die in der Lenzing-Kommunikation seltener zur Sprache kommen. Erstens: Marktkonzentration. Wenn ein einziger Konzern die hochwertigste MMCF-Kategorie dominiert, schafft das Abhängigkeiten für Marken und Konsumenten. Eine kleine schwedische Manufaktur, die einen Konkurrenz-Lyocell-Prozess entwickelt, hat es schwer.
Zweitens: Auch NMMO und die Edelweiss-Sauerstoffchemie sind synthetische Lösungsmittel, keine pflanzlichen. Komplett biobasierte Faserprozesse existieren bislang nur im Labor. Die Lenzing-Verfahren sind die besten verfügbaren Industrieprozesse, aber nicht das Ende der Entwicklung.
Drittens: Energieintensiv. Der geschlossene Kreislauf von Tencel braucht Wärme und Strom, um das Lösungsmittel zu trennen. Lenzing kompensiert mit Biomassekraftwerken und Strom aus erneuerbaren Quellen, aber die absolute Energiebilanz ist nicht null. Bei Modal mit seinem Sauerstoffverfahren fällt das geringer aus.
Häufige Fragen zu EcoVero, Tencel und Modal
Sind EcoVero, Tencel und Modal die gleiche Faser?
Welche der drei ist am nachhaltigsten?
Warum gibt es so viele verschiedene Lenzing-Markennamen?
Ist Modal ohne Lenzing-Branding genauso gut?
Wie erkenne ich die Lenzing-Faser am Etikett?
Sind Lenzing-Fasern biologisch abbaubar?
Fazit zur Lenzing-Familie
EcoVero, Tencel und Modal sind keine Konkurrenten, sondern Geschwister mit unterschiedlichen Charakteren. Wer fließende Viskose mit transparenter Lieferkette will, greift zu EcoVero. Wer Wert auf europaeisches Buchenholz und CO2-Neutralität legt, findet das in Modal. Wer den geschlossensten Produktionskreislauf sucht, kauft Tencel.
Die guten Daten der drei Fasern aendern aber nichts daran, dass die nachhaltigste Kleidung die ist, die wir lange tragen. Der Faseraufdruck am Etikett ist nur ein Faktor unter vielen: Verarbeitung, Färbung, Konfektion und Transport entscheiden mit darüber, wie sauber das fertige Kleidungsstück wirklich ist.
Was bleibt, ist ein nüchterner Blick: Innerhalb der Viskose- und Lyocell-Welt zählt Lenzing zu den glaubwürdigsten Anbietern. Aber der Konzern produziert nicht das wundersam saubere Kleidungsstück. Er produziert eine bessere Faser.