Was das Siegel der Leather Working Group über Chrom im Leder sagt

Das LWG-Siegel steht auf vielen Lederprodukten. Was es über Chrom im Leder aussagt und was nicht, erklärt dir dieser Wissensartikel.

Ordentlich gestapelte, glatte Lederzuschnitte in Cognac, Anthrazit und Naturtönen auf einem hellen Holztisch
Leder in vielen Farben, und doch sagt das Siegel nicht über jedes Stück etwas aus

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Ein Siegel der Leather Working Group, kurz LWG, taucht bei Taschen, Schuhen und Jacken aus Leder oft in der Produktbeschreibung oder im Nachhaltigkeitsbereich einer Marke auf. Naheliegend ist, es als Qualitätsurteil über das Leder selbst zu lesen. Wer Chromgerbung kritisch sieht, schließt daraus schnell: Dieses Leder ist unbedenklich.

Die LWG setzt einen Audit-Standard für Gerbereien und bewertet damit Betriebe und ihre Prozesse. Der Umgang mit Chrom gehört dazu, aber als Frage an die Gerberei und ihr Management, nicht als Messwert am fertigen Lederstück.

Wir wollten wissen, was das Siegel über Chrom tatsächlich festhält und wo seine Aussage endet. Dafür haben wir die Auditunterlagen der LWG gelesen und sie mit den Angaben von Behörden und dem EU-Recht abgeglichen. Danach kannst du ein LWG-Siegel einordnen, ohne es zu überschätzen und ohne es abzutun.

Was die Leather Working Group bei einer Gerberei bewertet

Grundlage ist die Auditübersicht der Leather Working Group zum Lederhersteller-Audit. Das Audit gliedert sich in 13 kritische und vier nicht kritische Abschnitte. Kritische Abschnitte setzen Mindestanforderungen für eine Medaille, nicht kritische tragen nicht zur Gesamtstufe bei und müssen trotzdem bewertet werden.

Für die Chromfrage sind drei kritische Abschnitte wichtig:

  • Der Abschnitt zu verbotenen Stoffen und Chrom(VI) prüft, ob die Gerberei Prozesse und Verfahren gegen die Bildung von Chrom(VI) nachweisen kann, ob Chrom(VI)-Prüfungen nach ISO-Normen laufen und was bei einem Befund passiert.
  • Der Abschnitt zum Abwasser verlangt die rechtmäßige Einleitung, Messungen des abgehenden Wassers und Analysen durch ein zugelassenes Drittlabor.
  • Der Abschnitt zum Chemikalienmanagement verlangt ein Inventar aller verwendeten Chemikalien und prüft sie gegen eine Liste verbotener Substanzen.

Chrom taucht im Audit also als Managementfrage auf: Hat der Betrieb seine Prozesse im Griff, prüft er, und geht er mit Abwasser und Chemikalien nachvollziehbar um? Die Übersicht beschreibt, was geprüft wird. Konkrete Grenzwerte oder Messergebnisse nennt sie nicht, das technische Protokoll lag uns nicht vor.

Helle, leere Halle mit mehreren glatten Lederhäuten, die über langen Holzstangen hängen
Das Audit der LWG schaut auf Hallen, Prozesse und Abwasser, nicht auf das einzelne Lederstück

Chrom(III) und Chrom(VI) sind zwei verschiedene Stoffe

Das Bayerische Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit schreibt, dass die Chromgerbung mit Chrom(III)-Salzen arbeitet und diese als gesundheitlich unbedenklich gelten. Daraus kann sich durch Einflüsse wie pH-Wert, Temperatur, Zeit oder Licht bei Herstellung, Verarbeitung und Lagerung Chrom(VI) bilden. Nach Angabe des Landesamts kann dieser Stoff allergische Kontaktekzeme hervorrufen. Das ist eine Behördenangabe, keine eigene Messung von uns.

Das Recht begrenzt deshalb Chrom(VI), nicht das Gerbverfahren. Nach der Verordnung (EU) Nr. 301/2014 dürfen seit dem 1. Mai 2015 Ledererzeugnisse mit Hautkontakt nicht in Verkehr gebracht werden, wenn ihr Chrom(VI)-Gehalt 3 mg/kg oder mehr des Trockengewichts beträgt. Chrom(III) kommt in der Beschränkung nicht vor.

Wie sehr das Thema Produkte betroffen hat, zeigen ältere Messreihen. Das Bundesinstitut für Risikobewertung fand in Untersuchungen der Jahre 2000 bis 2006 in mehr als der Hälfte von rund 850 Lederproben Chrom(VI), in jeder sechsten über 10 mg/kg. Das Bayerische Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit beanstandete in den Jahren 2012 bis 2014 von 169 untersuchten Lederprodukten 27 wegen zu hoher Chrom(VI)-Gehalte, darunter 14 Schuhe. Beide Messreihen stammen aus der Zeit vor dem EU-Grenzwert und sagen nichts darüber, wie viel Chrom(VI) Leder im Handel heute enthält.

Nach der Regel hat eine dänische Untersuchung 172 Menschen mit Chromallergie befragt. Der Anteil, der seine Ekzeme auf Leder zurückführte, lag bei 71,0 Prozent vor der Regel und bei 66,2 Prozent danach und war damit unverändert. Befragt wurden Menschen, die schon allergisch sind, und zwar nach ihren Beschwerden. Zu neuen Allergien sagt die Untersuchung nichts.

Zwei kleine Lederproben, eine blaugraue und eine warmbraune, nebeneinander auf einer hellen Steinplatte
Zwei Lederproben sehen gleich unauffällig aus, den Chrom(VI)-Gehalt verrät erst ein Laborbefund

Was Gold, Silber und Bronze für die Chromfrage heißen

Die Auditübersicht der LWG legt Schwellen fest: Gold gibt es ab 85 Prozent, Silber ab 75, Bronze ab 65, und wer zwischen 50 und 64 Prozent liegt, gilt als auditiert ohne Medaille. Die Gesamtstufe ist das niedrigste Ergebnis aller Abschnitte. Erreicht ein Betrieb in einem Abschnitt nur Bronze und in allen anderen Gold, bekommt er insgesamt Bronze.

Daraus folgt für Chrom zweierlei. Eine Gold-Stufe bedeutet, dass der Chrom-Abschnitt mindestens in der Gold-Spanne lag, denn kein Abschnitt darf darunter bleiben. Eine Bronze-Stufe sagt dagegen nicht, wie gut der Betrieb bei Chrom abgeschnitten hat: Der schwächste Abschnitt kann auch Abwasser oder Chemikalienmanagement gewesen sein.

Offen ist, welche Vorgaben der Chrom-Abschnitt für Bronze oder für die Stufe Audited konkret macht und ob Prüfwerte an den EU-Grenzwert von 3 mg/kg gekoppelt sind. Die Übersicht nennt dazu keine Zahl, und das technische Protokoll mit den Einzelfragen haben wir nicht ausgewertet.

Wo die Aussage des Siegels endet

Die LWG prüft Betriebe. Bei der Rückverfolgbarkeit schaut sie, ob die Gerberei eingehendes Material bis zum Schlachthof oder zur Herkunftsregion zurückverfolgen kann und wie sie ihr Material durch den eigenen Herstellungsprozess führt. Beide Abschnitte sind bewertet, aber nicht kritisch, und sollen nach Angabe der LWG in künftigen Fassungen verpflichtend werden. Eine Prüfung des Chromgehalts eines einzelnen Lederstücks im Handel beschreibt die Übersicht nicht.

Das gilt für die Übersicht, die wir gelesen haben. Ob das technische Protokoll oder andere LWG-Dokumente eine Verbindung zwischen auditiertem Betrieb und fertigem Produkt vorsehen, haben wir nicht geprüft. Offen bleibt deshalb auch, wie du als Käuferin oder Käufer von einer Tasche zurück zu der Gerberei kommst, in der ihr Leder entstanden ist.

Für die Kaufentscheidung heißt das: Das LWG-Siegel kann etwas über den Umgang einer Gerberei mit Chemikalien und Abwasser aussagen. Ob ein bestimmter Gürtel unter dem EU-Grenzwert für Chrom(VI) liegt, entscheidet das Recht und nicht das Siegel, denn der Grenzwert gilt für jedes Lederprodukt mit Hautkontakt im EU-Markt.

Wer Chrom ganz vermeiden will, braucht ein anderes Siegel

Das Qualitätszeichen NATURLEDER IVN zertifiziert berücksichtigt nach der Beschreibung des IVN zum Qualitätszeichen Naturleder alle Herstellungsstufen vom Schlachthof bis zum fertigen Leder. Schwermetall- und mineralische Gerbungen sind ausgeschlossen, darunter Chrom, und als Rohware sind nur Häute aus der Fleischgewinnung zugelassen. Hier ist der Verzicht auf Chrom also Teil der Kriterien und kein Prüfpunkt von vielen.

Das ist die Beschreibung des Siegelgebers, die Einhaltung haben wir nicht selbst geprüft. Mehr zu Siegeln und Alternativen findest du in unseren Artikeln zu veganem Leder, zu Lederalternativen aus Apfel, Kaktus und Pilz und zu pflanzlichen Leder-Alternativen im Check.

Wer sein Lederstück lange behalten will, findet Pflegehinweise in unserem Artikel zum Pflegen von Lederschuhen statt Neukauf. Ein Stück, das lange getragen wird, muss nicht ersetzt werden, unabhängig davon, wie es gegerbt wurde.

Naturfarbenes, hellbraunes Leder auf einem Holztisch neben Eichenblättern und Rindenstücken
Pflanzliche Gerbstoffe stammen etwa aus Rinde und lassen sich ohne Chrom einsetzen

Worauf du beim Kauf achten kannst

Mit diesen Fragen liest du ein LWG-Siegel so, wie es gemeint ist:

  • Steht das Siegel für ein Produkt oder für einen Betrieb? Ohne Angabe, welche Gerberei gemeint ist, bleibt der Hinweis allgemein.
  • Welche Medaille ist genannt, und weiß die Marke, in welchem Abschnitt der Betrieb am schwächsten war? Die Gesamtstufe zeigt nur den niedrigsten Wert.
  • Willst du Chrom ganz vermeiden, such nach pflanzlich gegerbtem Leder oder dem IVN-Zeichen statt nach einer Medaille.
  • Bist du gegen Chrom allergisch, sprich mit deiner Ärztin oder deinem Arzt. Für Lederprodukte mit Hautkontakt gilt der EU-Grenzwert für Chrom(VI) unabhängig vom Siegel.

Fragen an die Marke sind ein legitimer Weg: Welche Gerberei, welche Stufe, welches Gerbverfahren? Wer das nicht beantworten kann, hat auf das Siegel als Argument nicht viel Substanz.

Häufige Fragen zum LWG-Siegel und Chrom

Heißt LWG-zertifiziert, dass das Leder chromfrei ist?
Nein. Die Leather Working Group auditiert Gerbereien und prüft in einem eigenen Abschnitt, wie sie die Bildung von Chrom(VI) verhindern und testen. Eine Zusage, dass ein Lederstück ohne Chrom gegerbt wurde, steht in der Auditübersicht nicht. Chromfreie Gerbung ist Thema anderer Siegel wie NATURLEDER IVN zertifiziert.
Ist Chrom im Leder grundsätzlich gefährlich?
Das Bayerische Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit beschreibt Chrom(III) als gesundheitlich unbedenklich. Anders ist es bei Chrom(VI), das nach Angabe des Landesamts allergische Kontaktekzeme hervorrufen kann. Deshalb begrenzt die EU seit 1. Mai 2015 den Chrom(VI)-Gehalt von Leder mit Hautkontakt auf unter 3 mg/kg.
Was sagt die Medaille Gold über ein einzelnes Produkt?
Sie bezieht sich auf den auditierten Betrieb: Gold bedeutet, dass alle Abschnitte mindestens 85 Prozent erreicht haben. Über den Chromgehalt eines bestimmten Lederstücks beschreibt die Übersicht der LWG keine Prüfung.
Wie unterscheiden sich LWG und IVN Naturleder?
Die LWG bewertet Gerbereien auf Stufen, der Chromeinsatz ist dabei ein Prüfthema. Das IVN-Zeichen schließt nach der Beschreibung des Verbands Schwermetall- und mineralische Gerbungen aus, darunter Chrom, und reicht vom Schlachthof bis zum fertigen Leder.

Ein Siegel gibt Auskunft über den Betrieb und lässt die Chromfrage am Produkt offen

Das LWG-Siegel erzählt, wie eine Gerberei mit Chrom(VI), Abwasser und Chemikalien umgeht und wie schwach ihr schwächster Prüfabschnitt war. Es erzählt nicht, ob ein bestimmtes Lederstück chromfrei ist, und es ersetzt weder den gesetzlichen Grenzwert noch ein Siegel, das Chrom ausschließt.

Wenn du Leder kaufst, lies das Siegel als das, was es ist: ein Betriebsaudit mit Stufen. Wer Chrom meiden will, wählt Leder mit pflanzlicher Gerbung oder ein anderes Material, und wer Leder behält und pflegt, braucht seltener Ersatz.

Quellen und Referenzen

  1. Das Audit der Leather Working Group bewertet Gerbereien und ihre Prozesse in 13 kritischen und vier nicht kritischen Abschnitten. Chrom taucht darin als Managementfrage auf: Ein kritischer Abschnitt prüft, wie ein Betrieb die Bildung von Chrom(VI) verhindert und testet, dazu kommen kritische Abschnitte zu Abwasser und Chemikalienmanagement.

  2. Die Chromgerbung arbeitet mit Chrom(III)-Salzen, die nach Angabe des Bayerischen Landesamts für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit als gesundheitlich unbedenklich gelten. Daraus kann sich durch Einflüsse wie pH-Wert, Temperatur, Zeit oder Licht bei Herstellung, Verarbeitung und Lagerung Chrom(VI) bilden, das nach Angabe des Landesamts allergische Kontaktekzeme hervorrufen kann.

  3. Seit dem 1. Mai 2015 dürfen in der EU Ledererzeugnisse mit Hautkontakt nicht in Verkehr gebracht werden, wenn ihr Chrom(VI)-Gehalt 3 mg/kg oder mehr des Trockengewichts beträgt. Die Beschränkung nennt nur Chrom(VI), Chrom(III) und das Gerbverfahren kommen darin nicht vor.

  4. Das Bundesinstitut für Risikobewertung fand in Untersuchungen der Jahre 2000 bis 2006 in mehr als der Hälfte von rund 850 Lederproben Chrom(VI), in jeder sechsten über 10 mg/kg. Mehr als eine halbe Million Menschen in Deutschland reagieren empfindlich auf den Stoff, der ein allergisches Kontaktekzem auslösen kann; schon bei 5 mg/kg reagiert nach BfR die Hälfte der Sensibilisierten.

  5. Das Bayerische Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit beanstandete in den Jahren 2012 bis 2014 von 169 untersuchten Lederprodukten 27 wegen zu hoher Chrom(VI)-Gehalte: 14 Schuhe, 5 Handschuhe, 2 Gürtel, 5 Jacken und eine Hose.

  6. Seit 2014 begrenzt die EU Chrom(VI) in Leder auf höchstens 3 mg/kg. Eine dänische Befragung von 172 Menschen mit Chromallergie fand fünf Jahre danach keine unmittelbare Besserung: Der Anteil derer, die ihre Ekzeme auf Leder zurückführten, blieb mit 71,0 Prozent vor und 66,2 Prozent nach der Regel unverändert.

  7. Die Medaillenstufe eines LWG-auditierten Betriebs ist das niedrigste Ergebnis seiner Abschnitte: Gold ab 85, Silber ab 75, Bronze ab 65 und Audited ab 50 Prozent. Ein Betrieb mit Gold in allen Abschnitten bis auf einen mit Bronze erhält insgesamt Bronze.

  8. Die Rückverfolgbarkeit prüft die LWG am Betrieb: eingehend bis zum Schlachthof oder zur Herkunftsregion, ausgehend durch den eigenen Herstellungsprozess. Beide Abschnitte sind bewertet, aber nicht kritisch. Eine Prüfung des Chromgehalts eines einzelnen Lederstücks im Handel beschreibt die Übersicht nicht.

  9. Das Qualitätszeichen NATURLEDER IVN zertifiziert berücksichtigt nach Angabe des Verbands alle Herstellungsstufen vom Schlachthof bis zum fertigen Leder; Schwermetall- und mineralische Gerbungen sind ausgeschlossen, als Rohware sind nur Häute aus der Fleischgewinnung zugelassen.